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Album der Woche : Und diese Rotzlöffelinnen nennen es Liebe

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Gimme Love“ Bild: Brigitte Sire

So lautstark, wie es sich nach zehn Jahren Abstinenz gehört: Die Pop-Frauen von Sleater-Kinney verbinden auf ihrer neuen Platte „No Cities To Love“ Sozialrealismus mit Majestätskrach.

          3 Min.

          Giftige Gitarren gegen das Gift der Gier, ein Aufschrei der Liebe gegen Verzweiflung und Leere, ein letzter wilder Tanz vor dem Tod, kurz: ein Rockalbum aus dem Geist der großen Krachkatharsis - mit „No Cities To Love“ (Sub Pop/Cargo), ihrer ersten neuen Platte seit zehn Jahren, kehren Sleater-Kinney lautstark zurück. Das Trio stammt aus der feministischen Punkszene der Riot Girls, die sich in den Neunzigern mit Gitarren und Geschrei selbst erfanden, um sich gegen Dummheit, sexuelle Gewalt und langweilige Lebensentwürfe zu wehren. Im Gitarrenspiel und im Gesang von Corin Tucker und Carrie Brownstein kamen Wut und Mut, Schrecken und Schönheit unwiderstehlich zusammen, und die exzellente Schlagzeugerin Janet Weiss gab den Songs enorme Kraft. Für Kritikerpapst Greil Marcus waren Sleater-Kinney schlicht Amerikas beste Rockband. Aber als sie in Gestalt von „The Woods“ (2005) eine ihrer stärksten Platten gemacht hatten, verabschiedeten sie sich in eine Auszeit unbestimmter Dauer.

          Punkblitzlieder von ungefähr einer Minute spielten Sleater-Kinney nur auf dem namenlosen Debüt von 1995, damals noch mit der Schlagzeugerin Lora Macfarlane. Dass ihre mächtige Stimme eine Naturgewalt ist, hatte Tucker bereits bei dem Duo Heavens To Betsy bewiesen. Doch bei Sleater-Kinney bot Brownsteins gelegentlich ins Kieksen kippender Gesang einen Gegenpol. Wie im Titelstück von „Call The Doctor“ (1996) wurde das Durcheinander- und Gegeneinanderansingen der beiden ein Stilelement, das den Klang der Gruppe unverkennbar machte. Wenn man einen Sleater-Kinney-Kanon aufstellen wollte, wären „Call The Doctor“ und „Dig Me Out“ (1997), das erste Album mit Weiss, die definitiven frühen Platten.

          Außerdem gehörten unbedingt die letzten beiden Platten vor der Auszeit dazu. Ein Jahr nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 brachte „One Beat“ das Private und das Politische im Porträt eines verletzten Landes zusammen. Tucker, die kurz zuvor Mutter geworden war, sang in „Far Away“ über den Schock von 9/11 und die Furcht um ihre Familie. Brownstein stellte in „Combat Rock“ wichtige Fragen in Zeiten des Hyperpatriotismus: „Since when is skepticism un-American?“ Dann kam das Donnergrollen von „The Woods“. Der elfminütige Lustausbruch „Let’s Call It Love“ machte deutlich, welchen Weg die drei seit den Anfängen zurückgelegt hatten und zu welcher Meisterschaft im Zusammenspiel sie gelangt waren. Und warum sollten immer nur die Rockmänner mit ihrer Unersättlichkeit protzen?

          Auf „No Cities To Love“ heißt das Lied vom Liebeshunger prägnant „Gimme Love“. Dem hellen „gimme love“ des Refrains ruft Tucker forsch „never enough“ hinterher, die Gitarren sägen, säbeln, schrauben, nach etwas mehr als zwei Minuten ist Schluss. Die Platte bewahrt die Wucht von „The Woods“ in verdichteter Form. Das brachiale „No Anthems“ kündet vom Ende aller Hymnen: „I once was an anthem / I sang the song of me“, aber das ist vorbei; von den alten Hymnen bleiben nur das Echo und das Klingeln in den Ohren. Als Schlüsselstück erweist es sich, weil der Glaube an die Musik letztlich stärker ist: „I want an anthem“, die Hymne soll Antwort und Kraft sein, „a weapon, not violence“.

          Warum war von einer so guten Band so lange nichts zu hören? Die Auszeit nahmen Sleater-Kinney wegen Tuckers Mutterschaft und wegen der Panikattacken, unter denen Brownstein auf Tour litt. Nach dem vorläufigen Ende der Band war Brownstein bei einer Werbeagentur nicht glücklich, bloggte lieber für den Radiosender NPR über Musik und zeigte dabei schon ihren Humor, den sie dann in der Sketchserie „Portlandia“ mit ihrer Schauspielkunst verband. Die Serie parodiert die verbürgerte Subkultur der Hipsterstadt Portland, wo Brownstein selbst wohnt. Brownstein ist Koautorin und verkörpert mit Fred Armisen etliche grandios komische Paare von den Besitzerinnen eines feministischen Buchladens bis zu überengagierten Eltern, die in der Plattenkiste der Vorschulbibliothek nur coole Popmusik dulden, nicht so etwas wie Mike & The Mechanics. Die fünfte Staffel der populären Serie lief in Amerika soeben an, das Riot Girl von einst ist heute ein Fernsehstar. Die Rückkehr von Sleater-Kinney könnte beinahe wie ein bloßer Marketingkniff wirken, doch dafür ist die Musik zu kompromisslos.

          Das neue Album beginnt mit dem kämpferischen Sozialrealismus von „Price Tag“. Aus Sicht einer arbeitenden Mutter beschreibt Tucker den Alltag einer Regaleinräumerin: den Kontroll- und den Zeitdruck, das Leben im Mangel. Brownstein könnte die Chefin des Ladens oder des ganzen Landes sein, wenn sie Tucker die Gründe entgegenfaucht, warum es so weit kommen konnte: Der Teufel und die Angst hätten sie, die Chefin, verführt, sie sei geblendet gewesen vom Geld, betäubt von der Gier. Der Song lässt das so stehen, löst die Gegensätze nicht auf.

          Dem dröhnenden Auftakt folgt „Fangless“, ein kreiselnder, tanzbarer Vergänglichkeitsgesang mit hübschem Hintergrundsäuseln, bevor der Rückkehrschrei „Surface Envy“ erklärt, warum die Band gemeinsam doch am besten ist: „We win / We lose / Only together do we break the rules“. Oder geht es da gar nicht um Sleater-Kinney, sondern um den Zusammenhalt in einem politisch und sozial gespaltenen Land? Darum, dass die Arbeiterin und ihre Chefin miteinander die Regeln einer Welt ändern, in der sie sonst beide zu Getriebenen werden?

          Im eingängigen Titelstück und dem übermütigen „A New Wave“ strahlt der Popkern dieser Platte, die sich in eine Schale aus Krach kleidet. Der Ausklang „Fade“ frönt wieder schönstem majestätischem Gitarrenröhren, wenn Sleater-Kinney dem Tod mit unbändigem Lebenswillen trotzen: „If we are truly dancing our swan song, darling / Shake it like never before“.

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