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Album der Woche: Lana Del Rey : Sad girl, mad girl, bad girl

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Bild: AP

Dieses Hippiemädchen ist viel cooler als ihr Boyfriend, denn es ist trauriger, verrückter, böser, charismatischer: Lana Del Rey hat mit „Ultraviolence“ ein ganz zauberhaftes neues Album vorgelegt.

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          Als schmollmündige und rehäugige Lolita-Diva mit betörender Stimme hat man auf dieser Welt nun einmal Feinde. Was wurde an Lana Del Rey herumkritisiert, als sie vor zwei Jahren mit ihrem Album „Born to Die“ bekannt wurde! Einem Meisterwerk der Popmusik; die inzwischen knapp achtunzwanzig Jahre alte Sängerin hätte sich danach im Grunde schon künstlerisch vollendet zur Ruhe setzen können. Doch nun, nachdem das andere große Lager ihrer Bewunderer sich lange nur an der Mini-LP „Paradise“ und neuen Liedern für die Filme „Great Gatsby“ und „Maleficent“ erfreuen konnte, ist ein vollwertiger Nachfolger erschienen.

          In den vergangenen Tagen gab es „Ultraviolence“ nur im Plattenfirmenbüro unter Aufsicht, mit Schweigevertrag auf dem Tisch, von einem mit Filzstift als „LDR“ beschrifteten CD-Rohling zu hören. Nicht gerade das perfekte Setting, um sich von Lanas frequenzreichem Gesang sonor bedröhnen oder nymphenhaft bezirzen zu lassen. Es kann auch sein, dass in der Aufregung nicht jeder Vers korrekt notiert wurde, aber das Erlebnis war trotzdem wunderbar.

          Falls Lana Del Rey sich gesorgt haben sollte, das erreichte Niveau nicht halten zu können, ist davon nichts zu merken. Im Gegenteil: „Ultraviolence“ - der Titel deutet es an - macht gesamtkünstlerisch eine noch selbstbewusstere Ansage als das Vorgänger-Album, sofern das überhaupt möglich ist. Die Grundkoordinaten sind in etwa die gleichen: Blumen im Haar, Gras, Beat Poetry, Kaschmir, Eau de Cologne, Sonnenuntergang. Die Musik wabert in weltentrückter Lust, sie wallt in stolzem Leid. Das Geschehen hat sich aus Lana Del Reys New Yorker Heimat mehr an den kalifornischen Strand verlagert, aber einen Unterschied macht das eigentlich nicht, weil ohnehin gleich ein Regisseur des film noir das Gelände in Flammen steckt.

          Die Stücke „Cruel World“ und „Brooklyn Baby“ könnten als Antwort auf jene Kritiker verstanden werden, die sich Sorgen wegen Lana Del Reys Geschlechterrollenbild machten; angeblich schmachtete ihr Lyrisches zu passiv nach sehr unzuverlässigen männlichen Partnern. Dieses Ich hängt inzwischen lieber mit Musikern ab als mit Vorstadtganoven, ist sich aber durchaus selbst genug: „I am happy now that you are gone / I put my little red party dress on.“ Wenig später erklärt es: „My boyfriend is really cool, / but he is not as cool as me.“ War eh klar. Nur hatten das manche Leute nicht kapieren wollen.

          Die Texte erscheinen beim ersten Hören oft poesiealbumhaft: „You are young, you are wild, you are free.“ Ständig ist jemand „crazy“ oder sogar „fucking crazy“. Liebende sind zueinander „like fire and water“. „Bourbon“ reimt sich auf „suburban“. Fassungslos hört man Lana Del Rey dichten: „I am a sad girl / I am a mad girl / I am a bad girl.“

          Aber der Punkt ist: Sie kann das bringen. Lana Del Rey reichert ihr Patchwork aus Versatzstücken, in dem so ziemlich jeder andere sich lächerlich machen würde, mit unerklärlichem Charisma an.

          Musikalisch-emotional nehmen ihre Lieder mitunter erstaunliche Wendungen. Ausgerechnet „Fucked My Way Up to the Top“ klingt wie ein besonders schönes Liebeslied. Kapitalismus-affirmative Selbstvermarktung im Gewande eskapistischer Beatnik-Romantik ist zwar als Thema kein Alleinstellungsmerkmal Lana Del Reys, sondern charakterisch für die gegenwärtige Popkultur. Doch selten wird die Mischung aus Begehren und Ekel, die dieses Lebensgefühl erzeugt, so berührend zum Ausdruck gebracht.

          Hochartifizielles Pop-Produkt der Gegenwart

          Für „Ultraviolence“ hat Lana Del Rey einen neuen Produzenten gewählt. Es ist Dan Auerbach von den amerikanischen Bluesrockern The Black Keys. Auf der neuen Platte macht sich bemerkbar, dass die Sängerin in den vergangenen Jahren viel auf der Bühne gestanden hat und dass ihr das Interagieren mit einer Band Spaß macht. Live spielte sie auch Stücke von Nirvana und Bob Dylan. Im Studio dominieren nun ebenfalls traditionelle Rockmusik-Instrumente. Im Gegensatz zu dem Streicherbombast mit Hip-Hop-Elementen aus „Born to Die“ bietet „Ultraviolence“ eher psychedelischen Blues. „Pretty When You Cry“ ist, abgesehen von der Gesangsmelodie, geradezu ein Remake von „Angie“. Allerdings werden die Herren Jagger und Richards hier nicht schamlos beklaut, sondern mit selbstbewusster Verehrung gegrüsst.

          Trotz solcher Referenzen an die Rockmusik der sechziger und siebziger Jahre ist das Album ganz und gar ein hochartifizielles Pop-Produkt der Gegenwart. Die Stücke beginnen in der Regel mit einfachen Blues-Akkorden von Gitarre, Klavier oder Orgel. Lana Del Rey übernimmt meist ihren eigenen Background-Gesang. Mit gekonnt inszenierten Harmoniewechseln und dem vehementen Einsatz von komplexen Echo- und Hall-Techniken, die Psychedeliker von früher sehr neidisch machen würden, werden unerwartete Klanglandschaften und emotionale Überwältigungseffekte aufgebaut. Benommen und bezaubert gibt man sich dem hin. Fast jedes Lied schiebt den Hörer in die letzte Umarmung am Bug der Titanic, doch glücklicherweise wartet dort kein braves Tantchen. Lana Del Rey macht gefährlich lebensfernen Schwulst gerade als solchen schön.

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