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Album der Woche : Überjam auf Old McDonalds Farm

  • -Aktualisiert am

Berühmt wurde John Scofield in den Achtzigern, als er eine Weile in der Band von Miles Davis spielte. Bild: Universal

Mit Coolness und schrägen Effekten treibt John Scofield auf seinem Album „Country for Old Men“ Schnulzen und schwermütigen Balladen den Kitsch aus.

          3 Min.

          Er ist nicht nur einer der weltbesten Jazzgitarristen, sondern auch einer der unermüdlichsten: John Scofield ist ständig auf Tournee und bringt alljährlich ein neues Album heraus. Das aktuelle beweist schon im kalauernden, auf Cormac McCarthys Roman „No Country For Old Men“ anspielenden Titel den Witz, der auch Scofields Spiel auszeichnet: Country für alte Männer soll es diesmal sein, nachdem Scofield in den vergangenen Jahren eher seiner Liebe zum Funk-Jazz gefrönt (die „Überjam“-Projekte), mit Big-Band-Arrangements aufgewartet („54“) und zuletzt ein wunderbares, mit einem Grammy ausgezeichnetes Album in klassischer Quartettbesetzung eingespielt hat („Past Present“).

          Charakteristisches „Bending“

          Berühmt wurde John Scofield in den Achtzigern, als er eine Weile in der Band von Miles Davis spielte und „Star People“, dem besten Album, das Davis in seinem schwächelnden letzten Jahrzehnt noch gelang, seine Akzente aufprägte. Scofields Gitarrenspiel ist so prägnant wie unverwechselbar, schon deshalb, weil er nicht den perlenden, mittenbetonten Klang pflegt, wie man ihn von den meisten Jazzgitarristen kennt. Sein Ton ist bei aller Fülle, die ihm die semi-akustische Ibanez verleiht, schärfer und kantiger, er spielt mit dem Steg-Tonabnehmer, was sonst eher Rockgitarristen wegen der höheren Verzerrungsgrade tun. Am hinteren Ende schwingen die Saiten weniger und erzeugen deshalb nicht so weiche Töne. Anders als Pat Metheny, der auf das Bending der Saiten weitgehend verzichtet, hat Scofield die Techniken der Rock- und der Country-Gitarre in sein Spiel integriert. Zudem ist er in der Kunst der Phrasierung unübertroffen. Er ist auch geschmackssicherer als Metheny, dessen überragende Musikalität nicht selten von zu viel Süßlichkeit oder dem gebläsehaften Ton seiner Synth-Gitarre durchkreuzt wird.

          Jazzer nehmen sich in den letzten Jahren wieder verstärkt der Gassenhauer aus der Populärmusik an; hier holen sie sich stabile Melodiebögen als Basis für ihre Improvisationen. Der Pianist Brad Mehldau zum Beispiel hat „Black Hole Sun“ von Soundgarden zu einer fast halbstündigen Jazzmeditation ausformuliert. Auch „Country For Old Men“ enthält ausschließlich Coverversionen populärer Songs. Es ist schon zum Lächeln, wenn Scofields groovende Coolness sich nun solcher Schnulzen wie „Mama Tried“ von Merle Haggard annimmt. „I’m So Lonesome I Could Cry“ - wer bei diesem Hank-Williams-Klassiker die übliche schwermütige Balladenkost erwartet, horcht erstaunt auf. Hier wird die elegische Melodie angeschrägt und unterlegt mit einem heftig treibenden Bebop-Rhythmus, für den Steve Swallow am Bass und Bill Stewart am Schlagzeug zuständig sind; dazu rauscht Larry Goldings fabelhafte Hammond-Orgel wie auf der Überholspur, und Scofield ergeht sich im Zickzack seiner Läufe. Ein hyperaktives Meisterstück, mehr Jazz geht nicht.

          Zur Entspannung folgt eine einfühlsame Interpretation von James Taylors „Bartender’s Blues“. Überhaupt hat diese Platte mehr entschleunigte, den Melodien hinterhersinnende Stücke als sonst bei Scofield üblich, darunter eine Adaption von Dolly Partons hundertfach gecovertem Hit „Jolene“, bei der die Melancholie herausgearbeitet wird, die dem Lied trotz seiner Country-Schmissigkeit eigen ist. Ein Höhepunkt ist die zarte Interpretation von Shania Twains Ballade „You’re Still The One“ - so schlicht gesanghaft, so katerhaft knurrend hat Scofield selten intoniert. Die Vier-Mann-Band spielt hier mit höchster lakonischer Präzision, die den Kitsch aus dem Stück treibt und pure Schönheit übrig lässt. Einer der kuriosen Momente des Albums ist das Traditional „Red River Valley“ - fanfarenhaft und in galoppierendem Tempo spielt die Orgel das Thema der Cowboy-Hymne, die dem Gospel-Marsch „When The Saints Go Marching In“ zum Verwechseln ähnlich ist, dann tritt die Band heftig auf die Bremse, Swallows Walking-Bass übernimmt die Regie, und Scofield schießt mit beiläufiger Lässigkeit seine Licks aus der Hüfte - großartig!

          Zum Hörgenuss trägt die Produktion bei, die jedes Detail der Musik luftig, lupenklar und warm vermittelt. Als Meister der coolen Grooves hat sich Scofield oft bewährt; „Country For Old Men“ verbindet nun den Jazz mit einer ungewohnten melodiösen Hintergründigkeit, die womöglich auch biographischen Schicksalsschlägen geschuldet ist - der jüngst 65 Gewordene hatte vor einiger Zeit den Tod seines Sohnes zu beklagen. Er legt nun ein Album vor, das zu den stärksten seines umfangreichen Katalogs gehört und auch Hörern gefallen könnte, die nicht unbedingt auf Gitarrenvirtuosität abonniert sind: Jazz nicht nur als Land für alte Männer.

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