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Album der Woche: Röyksopp : Gute Nacht, Mr. Sweetheart!

  • -Aktualisiert am

Bild: Stian Andersen

Das Elektropop-Duo Röyksopp verkündet sein unausweichliches Ende. Doch es beschließt sein Doppelalbum und das musikalische Kapitel mit einem Prolog. Das lässt auf mehr hoffen.

          3 Min.

          Ist das Ende wirklich unausweichlich? Für die Norweger von Röyksopp sieht es ganz danach aus. Sie haben sich entschieden, ihr musikalisches Projekt mit dem fünften Album „The Inevitable End“ zu beschließen. Doch irgendwie schwingt da ein „unter Vorbehalt“ mit. Man muss kein Hindu sein, um zu ahnen, dass sie in neuer Form zurückkommen werden. Auch wenn das Werk sich teilweise ganz schön morbide anhört, wie beim Opener „Skulls“, so klingt es insgesamt doch nach Hoffnung. Nach einem Leben nach dem Tod.

          Ein Denkmal setzten sich die Norweger bereits im September mit der Veröffentlichung ihrer Single „Monument“. Doch in der Albumfassung trägt es ein neues Klanggewand: mit härteren und abgeklärteren Beats. Auch die Stimme der Sängerin Robyn klingt nicht mehr so verträumt mäandernd, sondern wie auf einer Zielgeraden. So hämmert sich das Monument unweigerlich und beständig in den Kopf. Mit Robyn haben sich Röyskopp eine vielversprechende Gastmusikerin ausgewählt, die sich würdig in die Reihe bekannter Sänger wie Erlend Øye, Fever Ray und Lykke Li einfügt.

          Musik für den Kaffeetisch

          Svein Berge und Torbjørn Brundtland, die sich bereits als Kinder in ihrer Heimatstadt Tromsø kennenlernten, fielen mit ihrem ersten Album 2005 besonders durch ihre warme und verträumte Lässigkeit auf. Das Album „Melody A.M.“ konnte man zum Ausklingen einer durchfeierten Nacht genießen oder auch mit einer heißen Schokolade am Kamin. Der unaufdringlichen Entspanntheit konnte sich niemand entziehen, besonders nicht durch die Unterstützung Erlend Øyes, der stimmlichen Manifestation von Behaglichkeit, wie man sie auch von seiner Band Kings of Convenience kennt. Das Kaffeetisch-Downbeat-Album machte Röyksopp schlagartig überall bekannt. In kurzer Zeit verkaufte es sich über 750.000 mal, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass auch die Werbeindustrie gefallen an der Musik gefunden hatte.

          Mit „The Inevitable End“ schreiben Röyskopp nun ihr Vermächtnis. Sie lassen ihr musikalisches Schaffen Revue passieren und setzen sich intensiv mit ihrem Ableben auseinander. Das führt natürlich manchmal auch zu Emotionen, mit denen nicht jeder umgehen kann, wie zum Beispiel in „Running to the Sea“. Da steht man auf einmal mitten in einer Disko der neunziger Jahre mit treibender Techno-Musik: Zeitreise in Zeitlupe. Der Gesang drängt die Dramatik dabei so arg auf die Spitze, dass man nicht nur zum Meer läuft, sondern galoppiert, in ziemlich großer Geste. Wenn man in „Compulsion“ dann ankommt, kann man erst mal durchatmen und den Ausblick genießen. Begrüßt von einem stetigen Rauschen, bricht sich der Beat an einer Küste, und die beruhigende Stimme Jamie McDermotts ist der Hafen. Doch der Seegang ist rauh. Die minimalistischen Beats bäumen sich zu konstanten Wellen auf mit ausladenden Tälern, die in spitzen Kämmen kulminieren und kurz vor dem Überschlagen sind. Zusammen mit dezent einsetzenden, sphärischen Synthies zeichnen sie ein tiefes und dunkles Gewässer, in das man wohlig erschauernd eintauchen möchte. Das ist dann so ein Moment, in dem sich die langjährige musikalische Erfahrung der Band zeigt.

          Abtauchen und Abtanzen

          Bei „Coup de Grâce“ steigt man ins U96 („Das Boot“), taucht unter die Meeresoberfläche und steuert recht gemächlich und dumpf wie unter einer Glocke durch die düstere Unterwasserwelt. Der musikalische Gnadenstoß, den sich das Duo selbst gibt, stimmt traurig. Und es könnte einem das Herz bersten, wenn Röyksopp sich nicht direkt darauf mit einer schönen und souveränen Bassline bei ihren Hörern bedanken würden. Oder bedanken sie sich auch gleich bei ihren Vorbildern? Das vokalisierte „Thank you“ könnte nicht stärker an Daft Punk erinnern. Ein paar melancholisch anmutende Klaviertöne lassen den Song dann doch auch sehr reflektiert dastehen. Denn Röyksopp ist schon klar, dass sie jemanden verlassen. Und damit es für die Fangemeinde erträglicher wird, stimmen sie das Wiegenlied „Goodnite, Mr. Sweetheart“ an, um den Hörer in gewohnter Röyksopp-Wohlfühl-Manier zum Träumen davonzutragen.

          Ihre Entscheidung allerdings wirkt nicht endgültig, denn ein weiteres Lied fordert: „Do it Again“ und ist durchdrungen von Zuversicht. Es wirkt, als wären zwei übermotivierte, aufstrebende junge Menschen am Werk, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen und davon träumen, das Parkett unzähliger Tanzetablissements unsicher zu machen. So heißt der zweite Teil des Albums wahrscheinlich nicht umsonst „Prologue“. Er eiert unschlüssig um den ersten Teil herum, der von Abschied getränkt ist, wie ein Trabant. Sie machen einfach, was sie wollen. „We just do it again.“

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