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Album der Woche : Von Ödipus-Komplex keine Spur

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Summer Noon“ aus dem Album „Sukierae“ von Jeff Tweedy Bild: Getty

Wilco-Chef Jeff Tweedy und Sohn Spencer spielen eine gute, nur zu lange Platte ein. Dabei ist offensichtlich, dass der Vater seine musikalische Prägung an den Sohn weitergibt.

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          Die Neigung, den Popmusiker als ein einsames Genie zu betrachten, nahm ihren Ausgang in den frühen siebziger Jahren, als Musiker wie Paul McCartney oder Stevie Wonder ihre Werke im Alleingang einspielten. Auch Prince pflegte später dieses Verfahren, mit beeindruckenden Resultaten. Aber ob auch Wilco-Gitarrist Jeff Tweedy, der sich außerdem als Produzent (beispielsweise von der Soul-Legende Mavis Staples) einen Namen gemacht hatte, als einsames Genie gelten will?

          Sein erstes Solo-Album „Sukierae“ hat Tweedy, abgesehen von seinem Schlagzeug spielenden Sohn Spencer und einigen Keyboard-Einsprengseln von Scott McCaughey (R.E.M., The Minus Five) jetzt jedenfalls im Alleingang eingespielt. Er bedient nicht nur wie gewohnt die Gitarre und singt, er spielt auch Bass und verschiedene Tasteninstrumente. Spencer Tweedy ist, obgleich er zum Zeitpunkt der Aufnahme erst achtzehn Jahre alt war, schon ein versierter Veteran, der nicht nur und angeblich schon seit elf Jahren bei den Blisters aus Chicago Schlagzeug spielt, sondern ebenso auf dem letzten Mavis-Staples-Album.

          Verwandtschaftliche Bande

          Um etwaigen Genie-Spekulationen den Wind aus den Segeln zu nehmen, rockt Jeff Tweedy mit dem zwar komplexen, aber doch etwas sehr krachigen „Please Don’t Let Me Be So Understood“ erst mal kräftig los, um dann mit dem sanften „High As Hello“, einem der besten Lieder dieses Albums, in ruhigeres Fahrwasser zu gleiten. Dass er „Sukierae“ gar nicht als Solo-Album betrachtet, sondern als Vater-Sohn-Projekt, ist dem Familiennamen (ohne Jeff) zu entnehmen.

          Das Songschreiben hat Jeff Tweedy nicht verlernt. Eine in amerikanischen Traditionen schwelgende Folk-Ballade wie „Fake Fur Coat“ könnte glatt vom frühen Bob Dylan stammen, herrliche Popsongs wie „New Moon“ oder „Summer Noon“ erinnern an die besten Werke von Tweedys Stammband Wilco zu Zeiten von Platten wie „Being There“ (1996) oder „Summerteeth“ (1999). Anklänge an das avantgardistische „Yankee Hotel Foxtrot“ (2001) kann man dagegen mit der Lupe suchen. Dass man sich des öfteren an die euphorisch verehrte Alternative-Country-Band Uncle Tupelo erinnert fühlt, in der Jeff Tweedy seine Karriere einst begann, ist auch nicht zu leugnen.

          Das Ende verliert sich

          Eine staubige Off-Country-Nummer wie „Nobody Dies Anymore“ mit ihrem schlichten und schlurfenden Rhythmus könnte ein Outtake von Neil Youngs Klassiker „Harvest“ sein, das phänomenale „I’ll Sing It“ dagegen führt ein einziges musikalisches Kürzel durch starke Dynamik und einen hitzig-euphorischen „Yeah, Yeah, Yeah“-Hintergrund-Chor. Hier kommen die Sängerinnen Jess Wolf und Holly Laessig von der New Yorker Band Lucius ins Spiel und zu einem optimalen Ergebnis. In der berührenden Klavierballade „Where My Love“ befasst sich Tweedy mit seiner schwer erkrankten Frau Sue, nach der das Album auch benannt ist, und beklagt sich darüber, dass er sich das Leben einmal anders vorgestellt hat: „I want to watch you growing old and dumb / I want to see what you and I become.“

          Wenn er ehrlich ist, dann ist Jeff Tweedy am überzeugendsten. Lieder wie „World Away“ oder „Diamond Light“ dagegen, die allein von rumpeligem Schlagzeug getragen werden (natürlich nur vorgetäuscht rumpelig, selbstredend ist der Sohn ein Virtuose), oder aber das lahme „Desert Bell“, das nirgendwo hinführt, sind enttäuschend. Deshalb wünscht man sich spätestens am Ende, dass Jeff Tweedy, statt auf einem Album zwanzig Songs in mehr als siebzig Minuten zu präsentieren, den Mut gehabt hätte zu weiser Selbstbeschränkung.

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