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Album der Woche: Sturgill Simpson : Die lange weiße Linie des Lebens

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Turtles All The Way Down“ Bild: Melissa Madison Fuller

Sturgill Simpson verspricht nicht weniger als „Metamodern Sounds in Country Music“. Das klingt etwas übertrieben - doch der Mann aus Kentucky weiß zu liefern.

          2 Min.

          Der Aufnahmeprozess für dieses Album erinnert an längst vergangene Zeiten: „Vier Tage, vier Typen und vier Rollen Tonband“ nur soll es gebraucht haben bis zur Fertigstellung. Gibt es so etwas tatsächlich noch, heute, da Nerd-Bands für einen einzigen Song jahrelang am Laptop herumschrauben? Vielleicht noch in Nashville, wo schon viele fahrende Musik-Arbeiter in einem der Studios pausierten, um mal eben die neue Hit-Single einzuspielen, während draußen der Tourbus mit laufendem Motor wartete - so zumindest gehen Legenden.

          Alibis fürs Autofahren

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber tatsächlich ist es erstaunlich, dass der aus Kentucky stammende Sturgill Simpson nur wenige Monate nach seinem Debüt „High Top Mountain“ nun schon mit dem zweiten Album nachlegt, und dann auch noch mit einem so ambitionierten Titel: „Metamodern Sounds in Country Music“. Das soll eine Hommage an den großen Ray Charles sein, der 1962 die Welt mit „Modern Sounds in Country and Western Music“ beglückte. Keine Frage, Simpson will hoch hinaus. Aber im Gegensatz zu so vielen Eintagsfliegen der Country-Industrie hat der Mann aus Kentucky sich die Sporen durchaus verdient.

          Das zeigt er beim Eröffnungstück zunächst mit einer melodischen Hommage an den Kristofferson-Song „Me and Bobby McGee“, wobei der Text dann ganz woandershin will: „Turtles all the Way Down“ ist eine mystische Weltreise, bei der hinter jeder Antwort eine neue Frage steht. (Der Titel ist eine Metapher für den infiniten Regress, den man auch gern an Matrjoschka-Puppen verdeutlicht). Etwas einfacher kann man die endlose Suche des Lebens auch mit Country-Witz ausdrücken: „If somebody wants to know / What became of this so-and-so / Tell ’em I’m somewhere lookin’ for the end of that long white line“, heißt es im besten Stück des Albums, einem Alibi für die ewige Autofahrt.

          Gewitzte Chiffre für den Retro-Sound

          Wenn man die ersten Takte von „Long White Line“ hört, begreift man schnell, was das „meta-Moderne“ an Simpsons Sound eigentlich bedeuten könnte:  Es ist vielleicht nur eine gewitzte Chiffre für den Begriff „Retro“. Denn das Twang-Gitarrenriff darauf klingt wie aus der Frühzeit der Telecaster-Gitarre, und der näselnde, weinerliche Gesang liegt irgendwo zwischen Hank Williams und Tammy Wynette.

          Simpson will also gerade nicht den neuen, glattgespülten Sound des New Country, bei dem man kaum noch erkennen kann, was eine Akustikgitarre ist und bei dem sich kein Sänger mehr zu leiden traut, sondern orientiert sich, wie schon bei seinem Debüt, offensiv an den großen Vorbildern seiner Zunft.

          Selbst vor der klassischen Vergebungsbitte in Balladenform schreckt er nicht zurück - wahrscheinlich geht es um Seitensprünge, wie so oft im alten Country. Aber es soll natürlich das letzte Mal gewesen sein. „The Promise“ heißt das Lied, und wenn Sturgill den Refrain am Ende noch eine Oktave höher singt, grenzt das schon an Nötigung.

          Zum Glück folgt darauf aber noch ein seltsamer Siebenminüter, der die Pfade des Classic Country verlässt und Richtung des psychedlischen Rock mäandert - inklusive rückwärts abgespielter Melodiefetzen und einem wolfsartigen Schrei des Sängers, der seinesgleichen sucht. Die Country-Weisheit hinter diesem Stück lautet: „It Ain't All Flowers“.

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