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Album der Woche: Depeche Mode : Die Musikmaschine schnurrt wieder

On the Road again: Andrew Fletcher, Dave Gahan und Martin Gore. Bild: Anton Corbijn

Es fiept, ballert und wummert: Depeche Mode klingen mit „Spirit“ wieder nach Depeche Mode. Ein Beitrag zum Great Electronic Songbook, der ins Ohr geht und ins Herz trifft.

          Wer seit 36 Jahren erfolgreich im Musikgeschäft ist und seine neue Platte mit einem Stück beginnen lässt, das „Going Backwards“ betitelt ist, der wirft Fragen auf. Und wenn David Gahan, der Sänger von Depeche Mode, in diesem Auftaktlied singt: „We have lost control“ und „We have lost our soul“, dann hört man noch genauer hin. Ist es Ironie, wenn auf den Refrain „We’re going backwards“ wahlweise „ignoring the realities“ oder „turning back our history“ folgt? Oder pfeifen Depeche Mode tatsächlich auf die Tatsachen und wenden sich der Vergangenheit zu? Interessanterweise sind sie beides: nostalgisch und ironisch. Wenn das auf einen einzigen Begriff gebracht werden soll, bietet sich „geistreich“ an.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das könnte natürlich auch schon wieder als ironisch angesehen werden, weil doch die neue Platte „Spirit“ heißt. Aber spirituell ist hier zunächst einmal gar nichts, ungeachtet der leidigen Bluesvorliebe von Gahan, die jedoch gegen die Klangexperimentierfreude des eigentlichen Kopfs und Komponisten der Gruppe, Martin Gore, wieder einmal nur Versatzstücke zu setzen weiß – diesmal stammen vier von einem Dutzend Lieder aus Gahans Feder, und nur eines, „Cover Me“, darf mit einem vertonten Sonnenaufgang aus unterkühlten Gitarrenakkorden, die dem Repertoire der Countrymusik entliehen sind, Anspruch auf Originalität erheben. Die anderen drei sind jeweils nur auskomponiertes Pop-Posing, aber einen Hit hat Gahan ja eh noch nie für Depeche Mode geschrieben.

          Gore dagegen hat das auf mittlerweile vierzehn Alben gleich dutzendweise getan, und für „Spirit“ baut er diese Liste weiter aus. Sein „Going Backwards“ kommt mit treibendem Rhythmus und einem so bandtypischen Klangbild daher, wie es seit „Playing the Angel“ nicht mehr zu hören war – und diese zweitbeste Platte von Depeche Mode (unerreicht bleibt „Violator“ aus dem Jahr 1990) ist auch schon wieder elf Jahre alt. Danach kamen „Sounds of the Universe“ und „Delta Machine“, doch schweigen wir über das, was darauf zu hören war. Die drei Herren Gore, Gahan und Andrew Fletcher verwalteten ein verlorenes Jahrzehnt lang lediglich ihren musikalischen Vorlass. Totgeboren in elegischer Gravitas, waberten Synthesizertöne aus den endlosen Studiositzungen, und nur die Konzerte gaben noch Lebenszeichen von Depeche Mode. Dort zelebrierte die Gruppe allerdings vornehmlich ihre zeitlosen, aber eben schon jahrzehntealten Beiträge zum Great Electronic Songbook.

          „Where’s the Revolution?“ heißt das zweite Lied auf „Spirit“, und man mag es als Gores Suchbefehl an seine Band verstehen. Gefragt, gefunden: Eine so zwingende Zäsur mitten im Song, wie es der Einsatz eines leise raunenden Chors mit dem Text „The train is coming, get on board, the engine’s humming, get on board“ darstellt, hat Depeche Mode jedenfalls noch nicht geboten. Die assoziative Kraft der Verse beruht hier auf der Abrufung von historischen Klischeebildern – die wahlweise versiegelten oder gepanzerten Züge der russischen Revolution.

          Diesem Prinzip der populären Anspielung gehorcht auch das traditionell von Anton Corbijn gestaltete Cover des Albums, das mit grob getuschten Fahnen und Beinen einen suprematistischen Demonstrationszug andeutet, dem aber die Köpfe fehlen. Man wird die Platte deshalb politisch nennen, aber das ist sie nicht, denn das Einzige, was Depeche Mode diesbezüglich für sich in Anspruch nehmen könnten, ist das, was eine etwa gleichzeitig gegründete, aber längst vergessene andere britische Popband „the politics of dancing“ genannt hat.

          Schmutzig übersteuert und verzerrt

          Die aber werden endlich wieder vehement betrieben. Mit „So Much Love“ gibt es ein Lied, das noch einmal die hohe Taktzahl der Dauerbrenner „Just Can’t Get Enough“ und „A Question of Time“ aufnimmt, der die Band auf ihren Platten seit dreißig Jahren abgeschworen hatte. Dass Gahans Stimme dieses Tempo nicht mehr mitgeht, ist ein wunderbarer Effekt, denn Verschleppen und Verzerren mittels Kompressoren und Vocodern ist ohnehin das zentrale ästhetische Prinzip der meisten Gore-Songs auf „Spirit“. Bei „Scum“ etwa klingt der Gesang von Depeche Mode plötzlich so schmutzig übersteuert wie die Eels mit ihrem Krachklassiker „Tremendous Dynamite“. Der neue Produzent James Ford hat ganze Arbeit geleistet. So hat er Depeche Mode auch die fatale Tendenz zur Abblende ausgetrieben; die Stücke werden wieder ausgespielt. Wenn Martin Gore das von ihm selbst gesungene Abschlusslied, in dem es noch einmal nach Herzenslust elektronisch fiept und ballert und wummert und sphärenklingt, „Fail“ betitelt, ist das dann ganz gewiss Ironie, zwar nicht vom Inhalt her – da wird reichlich gescheitert –, doch als Fazit der ganzen Platte wäre das Urteil „Fail“ weit gefehlt.

          Emotionaler und dramaturgischer Höhepunkt aber ist das kürzeste Stück, „Eternal“, auch gesungen von Gore. Nur zweieinhalb Minuten ist es lang, in der Mitte der Platte plaziert, und wie es nach einer langgezogen phrasierten, höchst pathetischen Liebeserklärung ans Leben zu Harmoniumgebrumm und Pianogeperle an seinen abrupten Schluss kommt – in einem wüsten Crescendo über dem Wort „love“ –, das hat man nicht nur von Depeche Mode, sondern überhaupt noch nicht gehört. Where’s the revolution? Genau hier. Sie trifft mitten ins Herz. Der Rest geht ins Ohr und in die Beine.

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