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Album der Woche: Jack Bruce : Schwanengesänge ehemaliger Industrialisierungen

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Bild: schmid/laif

Jack Bruce musste für sein bestes Album die Siebzig erst hinter sich lassen. „Silver Rails“ ist der Beleg dafür, dass das oft totgesagte „intelligente Rock-Album“ noch lebt.

          Diese Stimme! Sie klingt verwittert, ohne mutlos zu wirken. Sie ist hörbar von den Unbilden des Lebens gezeichnet und verströmt doch einen fast überirdischen Trost. Mal von einem betörenden Vibrato beseelt, dann wieder von jubelndem Falsett in traumatische Tiefen abstürzend. Diese Stimme besitzt dramatische Qualitäten wie kaum ein anderes Rock-Organ und bleibt dabei lässig und cool.

          Es ist eine Überraschung, dass Jack Bruce erst siebzig Jahre alt werden musste, um seine vielleicht beste Solo-Platte vorzulegen. Auf jeden Fall schöpft „Silver Rails“ aus der Weisheit der goldenen Jahre einer Karriere, die sich inzwischen über mehr als fünf Dekaden erstreckt. Jack Bruce wollte schon immer lieber ein Pionier als ein Popstar sein. Nicht zufällig trug seine Werkschau aus dem Jahr 2008 den provozierenden Titel „Can You Follow?“ Bereits als Zwölfjähriger komponierte er Streichquartette, jammte sich in den frühen Sechzigern durch die Londoner Jazz- und Blues-Szene, suchte nach seinen Superstar-Erfahrungen mit Cream Anschluss an die Jazzgemeinde und spielte mit John McLaughlin, Carla Bley oder Mick Taylor. Sein singendes, ungemein flexibles Bass-Spiel hat Generationen von Instrumentalisten wie Jaco Pastorius, Sting oder Flea nachhaltig beeinflusst. Als Sänger allerdings ist Bruce bis heute eine Ausnahmeerscheinung geblieben.

          Seine Stimme bildet denn auch das Gravitätszentrum des stilistisch ungemein vielfältigen neuen Albums - der ersten Studioproduktion seit zehn Jahren. Lange nicht klang sein Bass- und Piano-Spiel so originell wie hier, noch kein Album hat so überzeugend alle Tugenden des Musikers und Sängers Bruce so überzeugend vereint. Für diesen Coup hat sich Bruce aber auch hochkarätige Verstärkung geholt. Die Gästeliste reicht von den Gitarristen Phil Manzanera, Robin Trower und Uli Jon Roth bis zu der Schlagzeugerin Cindy Blackman-Santana und dem Jazz-Organisten John Medeski. Trotzdem ist dabei ein reinrassiges Jack-Bruce-Album herausgekommen, das sowohl alteingeschworene Fans befriedigt wie auch der nächsten Generation den Teppich ausrollt. Einiges wirkt familiär vertraut, anderes erregend neu.

          Cream als Proto-Metal-Band

          Der Auftakt „Candlelight“ verströmt ein warmes Calypso-Feeling und wird von einem saftigen Bläsersatz sowie satten Orgelsounds grundiert. Manzaneras Gitarre sorgt dafür, dass trotz aller Erinnerungsseligkeit erst gar keine Nostalgie aufkommen kann. Perfekt schmiegt sich die Stimme den Songstrukturen an, mäandert souverän um den Beat und verheimlicht auch nicht die Spurenelemente einer Sechziger-Jahre-Psychedelia. Seine Basslinie in „Reach for the Night“ könnte geradewegs als Erkennungsmelodie eines Raymond-Chandler-Krimis funktionieren. Es ist schon große Kunst, mit welcher Feinfühligkeit er hier seine Saiten zupft, mal aggressiv zupackend, im nächsten Moment zärtlich versponnen.

          Während „Fields of Forever“ fast wie ein vergessenes Stück von Pete Townshend klingt, entpuppt sich der Folgetitel „Hidden Cities“ als heimlicher Höhepunkt: Passagenweise wirkt er, als wollten sich Cream hier zur ultimativen Proto-Metal-Band stilisieren. Es gibt Momente, die wie ein fernes Echo von „White Room“ klingen. Bruce scheint jetzt seinen Gesang durch die eigenen Bassläufe vor sich herzutreiben, ein vierköpfiger Frauenchor federt dabei jede gewalttätige Regung ab - ein Meisterwerk!

          Eine unerwartete Frischzellenkur

          Von einem ganz anderen Stern weht dagegen die Ballade „Industrial Child“ herüber. Sie erweist sich als Lehrstück über die gestischen Möglichkeiten einer lebensprallen Rockstimme. Allein am Piano, nur von Tony Remy an der Akustikgitarre subtil begleitet, stimmt Bruce hier den Schwanengesang der einst so stolzen Industrialisierung im Vereinigten Königreich an. Mit „Drone“ wagt er sich dann an ein Experiment, das auf einem massiv verzerrten Bass-Riff fußt und an seine jüngsten Fusion-Erfahrungen mit dem Jazz-Rock-Quartett Spectrum Road erinnert. Ist der elektronische Glanz der Gegenwart die richtige Antwort auf den rostigen Zauber verlassener Bahnhöfe und Werften - Fortschrittskathedralen einer untergegangenen Zeit?

          Was zunächst wie ein Flickenteppich aus Texturen, Tonfällen und zufälligen Träumen wirkt, entpuppt sich schnell als homogenes Ganzes: „Silver Rails“ ist mit seinen zehn Songs ein Beleg dafür, dass das oft totgesagte „intelligente Rock-Album“ noch lebt. Jack Bruce hat diese unerwartete Frischzellenkur organisiert. Chapeau!

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