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Album der Woche : Selbstverwirklichung ist sauanstrengend

  • -Aktualisiert am

Ein Malocher in Berlin: Megaloh Bild: Universal Music

Mit seinem Album „Regenmacher“ entzaubert der Rapper Megaloh das verbrauchte Ideal des Selfmade Man – und bleibt trotzdem zuversichtlich.

          Der vielleicht stärkste Mythos im Rap ist der des Selfmade Man. Bushido und viele andere Deutschrapper definieren sich in ihren Texten über Erfolg, den sie an ihrem Vermögen ablesen. Wie Sirenen auf Klippen thronen diese harten Männer auf ihren Scheinen und säuseln:Vom Bordstein zur Skyline, auch du kannst es schaffen.“ Ewig lockt das Glücksversprechen des Kapitalismus. Was aber, wenn der Erfolg ausbleibt, obwohl man den materialistischen Macho gibt? Wenn die Prahlerei nach Schema X so gar nicht zu den Mietschulden passt, die man abstottern muss?

          Uchenna van Capelleveen, besser bekannt Megaloh, weiß es. Auch der Berliner Rapper ist dem Mythos aufgesessen und zu Beginn seiner Karriere dem betörenden Ruf der Image-Rapper gefolgt. Doch die Szene verweigerte ihm die Anerkennung, die Taschen blieben leer – bis er seine Rap-Persona auf seinem Major-Debüt um die Facetten Schwäche, Zweifel und Scheitern erweiterte. Auf „Endlich Unendlich“ präsentierte sich einer, dessen struggle echt, vor allem aber zugänglicher war als der beef der im Showbiz angekommenen Rapper: Aufstehen in aller Herrgottsfrühe, um Laster zu entladen, Pakete zu wuchten, „Schweiß tropft, scheiß Job“ rappte der Sohn zweier Akademiker im Song „Loser“, „aber muss halt, Rücken kaputt und die Luft kalt / hol' die Miete rein, während ihr Korken im Club knallt“.

          Aufopferung statt Selbstverwirklichung, Verantwortung statt Egotrip. Klingt banal? Gänzlich neu war das schon 2013 nicht. Im Deutschrap-Geschäft aber hat damals niemand konsequenter die Work-Life-Balance thematisiert als Megaloh. Was damals begann und nun auf dem Nachfolger-Album „Regenmacher“ erneut stattfindet, ist die widerwillige Entzauberung des Selfmade Man. Oder?

          Malochermucke

          Zumindest kann man den Eindruck bekommen, wenn man sich die Reaktionen aus der Szene ansieht. Die Musik auf „Regenmacher“ wird anerkennend „Malochermucke“ genannt, „härter arbeitet vermutlich niemand“, heißt es bezüglich Megalohs Leben. Endlich, so macht es den Anschein, spricht jemand aus, was jeder kennt, aber nicht laut sagt, da es sich um das Ideal der Stunde handelt: Selbstverwirklichung ist nicht sexy. Sondern sauanstrengend.

          Ehrlichkeit ist Megalohs unique selling proposition, das Alleinstellungsmerkmal. In herausragende Technik verpackt, erzählt der Rapper von seiner persönlichen Entwicklung, Fehltritte spart er auch diesmal nicht aus. „Ich schlug eine Frau auf der Straße bei Tageslicht / War das ich? An dem Tag ist irgendwas gestorben innen / Mama schau nur das Monster, das ich geworden bin.“ Es ist Megaloh hoch anzurechnen, dass er auf Empfehlung seines Teams (er ist beim Label Nesola unter Vertrag, das unter anderem dem Künstlerpaar Max Herre und Joy Denalane gehört – quasi Adam und Eva der deutschen Soulmusik) die eigene Scham hinten angestellt hat, sodass die Episode nun auf „Regenmacher“ zu hören ist. Aber eben auch folgerichtig für jemanden, der Musik inzwischen als Selbsttherapie versteht und Erfolg nicht mehr über Scheine, sondern über den Mehrwert für sein Publikum definiert.

          Nicht nur seine eigenen Erfahrungen legt Megaloh auf „Regenmacher“ seinen Hörern zu Füßen. In „Wohin“ nehmen er und Rapper-Kollege Musa die Perspektive eines Flüchtlings ein, während im Hintergrund eine Spieluhrenmelodie erklingt. Man könnte diesen erzählerischen Ansatz anmaßend finden. Aber nach Megalohs Verständnis soll sein Rap auch Ventil und Sprachrohr für andere sein.

          Der Sound des  neuen Albums evoziert tatsächlich Bilder, die einem bei dem Wort „Regenmacher“ in den Sinn kommen mögen. Orgeleinsätze führen zurück in die mystischen Siebziger („Schlechter Schlaf“), die Platte klingt teils hypnotisch schwankend („Blaue Aurora“), weitestgehend aber warm und zuversichtlicher als „Endlich Unendlich“. Nicht nur Posaune, Saxophon und Trompete sorgen für Afrobeat-Anklänge, zwei Drumskizzen stammen tatsächlich von Tony Allen, Fela Kutis langjährigem Schlagzeuger und Mitbegründer des Genres.

          Nigerianische Volkslieder, runder Rap

          Musikalisches Neuland betritt der Sohn einer Nigerianerin und eines Niederländers auch auf „Oyoyo“. Bei der Intonation des nigerianischen Refrains musste er seine Mutter bitten, ihm die Zeilen des Volkslieds in sein Iphone einzusprechen. Aber auch wenn die afrikanischen Motive zahlreich sind und, wie Megaloh selbst sagt, es ihn ohne Afrika nicht gäbe, ist „Regenmacher“ kein Album im harmonischen back-to-the-roots-Gestus geworden – auch wenn man sich bei den Features von Patrice, Jan Delay und Gentleman schon fragt, wieso sie auf der Platte eines sich gerade etablierenden Rappers landen. Sondern ein im Hier und Jetzt verankertes, rundes Stück Rap-Musik.

          Und was wird aus dem Selfmade Man? Vermutlich muss man sich nicht um ihn sorgen, ein Album tötet noch lange keinen Mythos. Das Hiphop-Magazin Juice bringt Megaloh schon mit dem amerikanischen Musiker Kendrick Lamar in Verbindung - das ist selbst für jemanden, dessen Künstlername sich vom Größenwahn ableitet, groß. Der Titel seines neuen Albums nämlich steht nicht nur für das Stillen von Sehnsüchten durch einen Auserwählten, sei es nun die Sehnsucht afrikanischer Stämme nach Regen oder der Rapszene nach neuen Heilsbringern. Sondern auch für die Erwartungen der Vielen, die der Einzelne schultern muss, wenn ihm besondere Fähigkeiten attestiert werden und die Überstilisierung, die ihm selbst widerfährt.

          Dass der Musiker aus dem Berliner Arbeiterstadtteil Moabit nach wie vor die „Tripleschicht“ von frühmorgendlichem Knochenjob, nachmittäglicher Familienarbeit und abendlichen Studiosessions auf sich nimmt, wird gefeiert, getreu dem Motto: Keine Kunst ohne Opfer. Womit wir wieder bei der romantischen Verklärung wären: beim struggle, der Selbstverwirklichung, dem lebenslangen Lernprozess. Das alles bleibt anstrengend, nervenaufreibend, manchmal auch bitter. Mit Megalohs Musik aber immerhin leichter zu ertragen.

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