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Album der Woche : Wer ich bin, ihr werdet’s nicht erfahren

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Spoken Word mit dem musikalischen Charme der jungen Joni Mitchell: Noname Bild: Prisma Bildagentur

Auf die Rolle des schüchternen Mädchens mit Bibliotheksausweis will sie sich nicht festlegen lassen: Die introvertierte Rapperin Noname etabliert sich mit „Room 25“ als eine der interessantesten Figuren im Hip-Hop.

          Fatimah Warner versteckt sich gern. Die Rapperin nennt sich Noname, dreht keine Musikvideos, gibt selten Interviews und verfügt nur über verwaiste Social-Media-Accounts. Das ist für eine aufstrebende Musikerin in diesem Genre ein ungewöhnliches Verhalten. Bevor sie zur Rapperin wurde, war die Tochter einer Buchhändlerin in der Spoken-Word-Szene Chicagos aktiv. Dort lernte sie auch Chance the Rapper kennen, der spätestens mit dem Album „Coloring Book“ eine eigene Sparte integrativen Gospel-Raps geschaffen hat. In Zeiten politischer und ästhetischer Polarisierung wird der jungenhafte Musiker in den Vereinigten Staaten als Relikt hoffnungsvollerer Zeiten von Late-Night-Show zu Late-Night-Show gereicht.

          Noname war bereits 2013 auf seinem Mixtape „Acid Rap“ vertreten, mit ihrem ersten eigenen Mixtape „Telefone“ erreichte sie 2016 dann etwas Branchenuntypisches: trotz größtmöglicher Bescheidenheit nachdrücklich auf sich aufmerksam zu machen. Sie rappte mit sanfter Stimme über ihre Erfahrungswelt als schwarze Frau und wählte eingängige Beats, die direkt an „The Ummah“ anknüpften, jenes Produzenten-Netzwerk, das in den neunziger Jahren den Sound von Common oder A Tribe Called Quest prägte. „Telefone“ landete auf etlichen Jahresbestenlisten, Noname konnte weltweit auf Tour gehen.

          Ihr neues Album „Room 25“ erzählt von dieser Zeit. Von einer 25 Jahre alten Musikerin, die sich häufiger in Hotelzimmern aufhält als zu Hause. Von jemandem, der durch die Aufmerksamkeit, die ihm auf der Bühne zuteil wird, eine neue Beziehung zu seinem Körper entwickelt. Und von jemandem, der sich unverhofft Gedanken über seine Karriereplanung machen muss. Noname hat sich für maximale Unabhängigkeit entschieden und jedes Vertragsangebot großer Plattenlabels abgelehnt – das Album wurde mit Geld aus Liveauftritten finanziert. Doch den Topos der Self-Made-Woman bemüht sie nicht: Sie zögerte, neue Musik aufzunehmen, fühlte sich durch den für sie überraschenden Erfolg bisweilen wie eine Hochstaplerin. Um Kontakte zu knüpfen, zog sie nach Los Angeles. Die Begegnungen mit der dortigen Künstlerszene lösten bei ihr zugleich Euphorie und Fluchtreflexe aus. Wenn sie über dieses Milieu rappt, klingt sie manchmal wie die frühe Joni Mitchell.

          Für ihr neues Album hat sich Noname einiges vorgenommen: Solidarität, Sexualität, Sterblichkeit, dazu Beobachtungen zu Polizeigewalt, Alkoholismus und Schönheitsoperationen. Von anderen sogenannten Conscious-Rappern unterscheidet sie, dass sie nie versucht, möglichst viele Meinungen zu möglichst vielen Themen zu platzieren. Nonames buchstäbliches „Spoken Word“ lässt auch „Room 25“ wieder wie ein spätabendliches Telefonat mit einer Freundin klingen, in dem zwar schon alles besprochen wurde, aber der Redebedarf noch lange nicht gestillt ist. Die Texte sind oft assoziativ und kursorisch, aber Noname wählt präzise Bilder, statt zu verschlüsseln. Die wundervolle Stimme der Rapperin hat sich derweil verändert: Sie ist dunkler und leiser geworden, klingt dominanter. Geblieben ist ein hörbares Lächeln, das stets Distanz zum eigenen Vortrag zu signalisieren scheint. Mit dieser Attitüde fordert Noname die Konventionen der Rap-Persona heraus.

          „My pussy wrote a thesis on colonialism“

          Doch auf die Rolle des schüchternen Mädchens mit Bibliotheksausweis will sie sich nicht festlegen lassen. Vor der Albumveröffentlichung erteilte sie dem Versuch eine deutliche Absage, sie zur Antipodin von Cardi B, der Straßenrapperin der Stunde, zu erklären. Mit einem Wimpernschlag zeigt Noname stattdessen auf, wie nah sich die sexualisierten Angebereien von Straßenrappern und das Imponiergehabe mittelständischer Diskurshipster bisweilen sind („My pussy wrote a thesis on colonialism“). Wohl auch, um Erwartungshaltungen zu untergraben, flucht Noname neuerdings – und streut klassische Battlerap-Zeilen ein.

          Das hat auch mit ihrer technischen Entwicklung als Rapperin zu tun: Wenn ihre Sprachrhythmen komplexer werden, ihre Reimketten sich verdichten wie auf „Ace“ (zusammen mit Smino und Saba aus Chicago), rückt der Inhalt in den Hintergrund. Dem Hörfluss tun die so entstehenden Inseln sorglosen Musizierens gut. Sie machen „Room 25“ vielseitiger als „Telefone“. „Montego Bae“ mit Ravyn Lenae ist etwa eine Art Cosmic-Jazz-Samba. Auf einigen Songs ist ein Streicherensemble zu hören – allen voran auf „Don’t forget About Me“, das den staubtrockenen Neo-Soul von D’Angelos „Brown Sugar“ heraufbeschwört. Der Großteil der Musik wurde von Nonames musikalischem Partner Phoelix produziert. Wie auf „Telefone“ sorgt er für fein-glühende Keyboards und Synthesizer, clevere Akkordprogressionen und knackende Drums. Die Beats sind minimalistischer geworden und lassen Noname mehr Raum. Einen Raum, den sie zunehmend auch einzufordern bereit ist.

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