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Album der Woche: Robert Plant : Mythenschwangerschaft eines Cockrockers

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Rainbow“ Bild: Warner Music

Immer noch im Schatten von Led Zeppelin? Robert Plant hat seine neue Soloplatte ausdrücklich nicht als Gitarrenalbum angelegt. Alte Fans muss das nicht unbedingt abschrecken. Es gibt ja noch die Stimme.

          Als ehemaliger Sänger von Led Zeppelin gehört Robert Plant zu den unangefochtenen Figuren derjenigen Rockmusik, die sich mit einem großem R schreibt. Darüber vergisst man leicht, dass es eine ganze Weile üblich war, die zwischen 1968 und 1980 wirkende Band als Rockdinosaurier zu schmähen. Plant selbst galt seit den mittleren Siebzigern wegen seines exaltierten Bühnengehabes und Lebensstils als Prototyp des „Cockrockers“.

          Allein mit den mythenschwangeren Eskapismen seiner Texte über Feen, Drachen und Zauberer dürfte er seinerzeit die Gründung Tausender Punkbands provoziert haben. Die rohe Wucht, die filigrane Melodik und der maßlose Einfluss des Zeppelinschen Schaffens sind über solche Bedenken jedoch längst und in immer neuen Wellen hinweggerollt. Mit dem geradezu unfassbaren Erfolg von Songs wie „Whole Lotta Love“ (1969) und „Stairway to Heaven“ (1971), die in jeder Minute irgendwo auf diesem Planeten im Radio laufen, wird die Stimme aus Robert Plants frühen Zwanzigern im kollektiven Menschheitsgedächtnis nach wie vor frischgehalten.

          So ist der mittlerweile Sechsundsechzigjährige tatsächlich eine Legende geworden, vielleicht erst recht, weil er sich früh gegen eine Wiedervereinigung von Led Zeppelin sperrte und dieser Entscheidung nur einmal untreu wurde, für ein ebenfalls schon wieder legendäres Londoner Konzert im Dezember 2007, für dessen 20.000 Karten weltweit 20 Millionen Interessenten angefragt hatten.

          Bodenständige Hitqualität

          Allerdings ist Robert Plant auch ein im Hier und Jetzt lebender Musiker. Stets blieb er den zeitgenössischen Sounds auf der Spur, hat in seinen Projekten Rhythmen und Klänge aus der Weltmusik verarbeitet und sich forschend in die Traditionen von Blues und Folk hineingegraben. Immensen Erfolg auf diesem Feld hatte seine Kollaboration mit der Countrymusikerin Alison Krauss, mit der er seit 2007 noch einmal ein globales Mainstream-Publikum erreichte, ohne dies kommerziell nötig zu haben.

          Aufgrund dieser facettenreichen Lebensleistung hat die Welt allerdings Erwartungen an Robert Plant, auf die er mit dem neuen Album „Lullaby and . . . The Ceaseless Roar“ verblüffend nonchalant eingeht. Unterstützt von den britischen und afrikanischen Musikern seiner Band The Sensational Space Shifters, führt er einfach viele Elemente seiner musikalischen Geschichte geschmackvoll zusammen. Schon im ersten Titel, dem Bluegrass-Standard „Little Maggie“, mischen sich Banjo, programmierte Rhythmen, afrikanische Saiten- und Schlaginstrumente sowie tranceartig blubbernde Synthesizer eindrucksvoll unter Robert Plants sehnsuchtsvolle Stimme, ehe eine wilde orientalische Fiedel die Soloparts übernimmt und damit die meditative Stimmung streckenweise ins Ekstatische treibt.

          Bodenständigere Hitqualitäten zeigt anschließend das liedhafte „Rainbow“, dessen etwas überzuckerte Melodie von drahtigen Gitarrensaiten geerdet wird. Auch im folgenden „Pocketful of Golden“, einer mit Triphop-Beats unterlegten Meditation über Lebenserfahrung und unerfüllte Liebe, ähneln die Gesangslinien unverkennbar jenen, die Plant seinerzeit über die Akkordfolgen der folkigeren Led-Zeppelin-Stücke legte.

          Private Mythologien

          Im bedächtigen „Embrace Another Fall“ jedoch, in dem Plant zart gegen die Vergänglichkeit ansingt, bricht gegen Ende der dritten Minute eine mächtige Rockgitarre mit einem dreimal wiederholten Riff los, nur um dann ebenso abrupt wieder zu verschwinden. Das klingt so, als wollte sie zwischendurch daran erinnern, was dieses Album nicht ist, nämlich ein Gitarrenalbum - und damit auch kein Gruß an jene, die sich immer noch eine Wiedervereinigung der alten Band erhoffen, damit der riffgetriebene Rock früherer Zeiten endlich einmal wieder live zu bewundern wäre.

          Deshalb gibt es den auf dieser Platte auch nicht mehr. Stattdessen hört man eine Ballade mit Klavierbegleitung, einen countryfizierten Leadbelly-Blues, zwei Volks- oder Kinderlieder in elektrischem Gewand, eine heitere psychedelische Extravaganz sowie das ausufernde Finale. Mit dem von Club- und Trancemusik infizierten „Up on the Hollow Hill“ und der übergeschnappten Wiederaufnahme des Auftakts unter dem Titel „Maggie’s Baby“ dürften klassische Zeppelin-Fans allein wegen der elektronischen Beats und pulsierenden Synthesizerarpeggien nur wenig anfangen können. So gelingt Plant das Kunststück, eine moderne, inspiriert klingende Version seiner Musik mit Einflüssen aus vielerlei Richtungen vorzulegen, die trotzdem erstaunlich homogen wirkt und allen möglichen Leuten gefallen könnte, aber eben nicht muss.

          Das entspricht Plants privaten Mythologien, wie sie sich auch in den Albumtexten ausdrücken: den Mythologien eines Mannes, der schon unendlich oft um den Erdball gezogen ist, sich dabei immer wieder verliebt, aus seinem Erfahrungsreichtum schöpft und daraus tiefe Weisheit und eine gewisse Zuneigung zu seinen Mitgeschöpfen zieht. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Mann seine Zeit nicht damit verschwenden sollte, Liedgut von vor vierzig Jahren in den Stadien dieser Welt aufzuführen. Das gibt es schließlich immer noch auf vorzüglichen Tonträgern und überdies jede Minute irgendwo auf diesem Planeten im Radio.

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