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Album der Woche: Motorama : Die Kapelle des Dr. Caligari

  • -Aktualisiert am

Bild: Lika Kalandadze

In der Grauzone zwischen Post-Punk und New-Wave: Mit dem neuen Album „Poverty“ der russischen Band Motorama ist es auf einmal in Ordnung, den langen Weg nach Hause zu nehmen.

          Wenn man versucht, Motorama kurz zu beschreiben, dann klingt das im ersten Moment ein wenig abseitig: eine Band aus dem südrussischen Rostow am Don, die im Duktus von Joy Division Schwermütigkeit in dezente Indie-Rock-Klänge kleidet – und dabei große Klangbilder irgendwo zwischen Post-Punk und New Wave entwirft. Abseitig ist es aber nur, weil man von einer russischen Band anderes erwartet. Doch was eigentlich? Lieder über harte Winter, wilde Hochzeiten oder geteiltes Leid im Folklorekleid? Eine Frage, die in unseren Breitengraden – wenn man ehrlich ist – nicht allzu einfach zu beantworten ist, da moderne Rock- und Pop-Musik aus Russland hier ziemlich unbekannt ist. Aber so unbekannt die Independent-Musik-Szene Russlands bei uns ist, so interessant ist sie doch.

          Motorama kommt darin eine Vorreiterrolle zu. Klangästhetisch greift die auf Englisch singende Band die besten Aspekte der achtziger Jahre auf und überträgt sie auf eine erfrischende Art und Weise in die Gegenwart. Auch auf ihrem neuen Album „Poverty“ sind die Einflüsse von The Smiths und Joy Division deutlich zu hören, doch gehen Motorama so sensibel mit ihnen um, dass sie sich nicht auf sie versteifen müssen. Den Songs wird genügend Platz für Eigenes gelassen, genügend Platz für Verjüngung. Das Kyrillische in Motoramas Handschrift sind nicht die traurigen Zuckerspitzen, sondern die Echtheit des vertonten Trübsinns. Auf „Poverty“ wird ziemlich einleuchtend, wie gut melancholischer Indie-Pop in die Vorstellung von sibirischer Taiga und postsowjetischen Straßen passt. Energie und Schwermut, und das ohne Balalaika.

          Die Band wurde 2005 vom Sänger und Gitarristen Vladislav Parshin in Rostow gegründet und machte über die Jahre multiple Besetzungswechsel durch. Heute gehören neben Parshin auch Maxim Polivanov (Gitarre), Airin Marchenko (Bass), Alexander Norets (Tasteninstrumente) und der jüngst hinzugekommene Oleg Chernov (Schlagzeug) zur Band. Das im Schlafzimmer Polivanovs aufgenommene und selbstvertriebene Debütalbum „Alps“ (2010), sowie das darauffolgende, vom französischen Label „Talitres“ veröffentlichte „Calendar“ (2012) ließen Kritiker und Publikum staunend die Augenbrauen heben. Wenn man auf Motorama aufmerksam geworden ist, stellt sich sofort das Gefühl ein, etwas gefunden zu haben, das noch keiner kennt, aber jeder kennen sollte. Dabei haben sich Motorama längst vom Status des Geheimtipps freigespielt.

          Ein Streifzug durch die Nachbarschaft

          Wenn Vladislav Parshin singt, sieht er meist zu Boden und bewegt sich höchstens leicht zu den Seiten. Trotz dieser „Shoegaze“-Geste wird man  jedoch sehr dazu angeregt, sich zu bewegen – das muss aber nicht mal tanzend sein. Es kann auch einfach nur ein Streifzug durch die Nachbarschaft sein. Bei vielen der Songs ist es auf einmal in Ordnung, abends den langen Weg nach Hause zu nehmen.

          „Poverty“ ist ein Album, das als verspäteter Soundtrack zu Robert Wienes expressionistischem Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von 1920 dienen könnte. Beim Hören springen einem förmlich die verstörenden Filmkulissen in  Schwarz-Weiß vor das geistige Auge. Vermutlich muss man sich auch den Proberaum der Band vorstellen, denn wie sollten sonst solche Lieder entstehen? Prägnant für Motorama ist die minimalistische Reduktion der Akkordwechsel und Klänge auf die Klarlinien. Dabei ist jedes der  Lieder anders viragiert und zeigt eigenartig schöne Klangverhältnisse.

          Unaufdringliche Doppelbödigkeit

          In den Texten der Band spiegelt sich in der Melancholie oft die Gleichgültigkeit der Generation Y: „Throwing same things against the wall / keeping same thoughts about nothing at all“, singt Parshin in „Similar Ways“ vor sich hin, während immerhin die Instrumente noch für Antrieb sorgen. Die Texte erzählen nicht zu viel, die Sprachbilder sind bewusst vieldeutig gestaltet. So unaufdringlich wie sich die Band gibt, schaffen Motorama oft eine Doppelbödigkeit, der man gerne verfällt.

          Sänger Parshin empfiehlt das Hören von Motorama besonders abends vor dem Einschlafen oder mit einer Tasse Tee in der Hand, während man einen Expeditionsroman liest. Ist das nun doch wieder russische Folklore? „Poverty“ steht zwar etwas im Schatten seiner Vorgänger, aber dennoch ist es ein stabiles Album ohne verbiegende Experimente, das sich darauf konzentriert, was die Band am besten kann.

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