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Album der Woche: Paul Rodgers : Er hatte immer nur Wilson Pickett im Kopf

  • -Aktualisiert am

Bild: 429Records

Paul Rodgers, einst Stimmgenie bei Free und Bad Company, dann bei Queen fehlbesetzt, entdeckt seine Geschichte und Berufung: den Soul. Seine neue Platte ist ein ehrfürchtiger Ego-Trip.

          4 Min.

          Die Import-Export-Beziehungen zwischen England und Amerika lassen sich beschreiben als Geschichte fortlaufender Güterverfeinerung, als Raffinade. Rücksendungen und ganze Zollbeschlagnahmungen waren dabei nicht ausgeschlossen. Die Rolling Stones haben Amerika den Blues zurückgegeben und das Land erst (wieder) auf seine gewaltigen Rohstoffvorkommen hingewiesen: Muddy Waters, Willie Dixon, John Lee Hooker, Howlin’ Wolf und andere. Nachdem diese Leitung einmal gelegt war, setzte ein Veredelungsprozess ein, bei dem die Amerikaner ihren Heim- beziehungsweise Standortvorteil überlegen ausspielten: Rhythm & Blues und Soul kamen wieder nach Europa zurück. Plötzlich wollte jeder bessere Brite klingen wie Bobby Womack (Rod Stewart), Otis Redding (Frankie Miller) oder Ray Charles (Joe Cocker, Steve Winwood). Und das Beste: Sie alle klangen auch so. Dass es, um ein jüngeres Beispiel zu nehmen, dabei auch Rohrkrepierer gab wie Rod Stewarts „American Songbook“-Aufnahmen, bestätigt nur die Regel.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          In dieser Riege oftmals auch ganz ausdrücklich vorgenommener Reverenzerweisungen hatte man Paul Rodgers, der ganz sicher einer der gewaltigsten Rocksänger der siebziger Jahre war, lange nicht auf der Rechnung. Dabei war aber, was er mit seinen Bands Free und Bad Company seit 1968 beziehungsweise 1973 auf die Beine stellte, im Prinzip nie etwas anderes als Soul und Rhythm & Blues; man hielt es nur, weil die Gitarren von Paul Kossoff und Mick Ralphs sich oft so genreuntypisch in den Vordergrund spielten (aber mit langen Soli trotzdem nie lästig fielen), für Bluesrock. In beiden Bands konnte Rodgers sich auf die mehr als solide Rhythmussektion aus Bass und Schlagzeug jederzeit verlassen, so dass er auch stimmlich aus den sparsamen, oft ganz simplen Arrangements das Beste machen musste und konnte. Wenn man sich die kondensierten, druckvollen Free- und Bad-Company-Aufnahmen noch einmal genauer anhört, spürt man jedenfalls den Einfluss klassischer amerikanischer Soul-Intonation. Rodgers selbst sagte einmal, schon bei Free habe er gesungen „with Wilson Pickett in mind“. Und die Hochachtung war gegenseitig: Wilson Pickett nahm 1971 den Titelsong der epochalen Free-Platte „Fire and Water“ auf, wobei es interessanter gewesen wäre, ob er auch mit dem darauf enthaltenen Überhit „All Right Now“ etwas anzufangen gewusst hätte. Zu spät, Wilson Pickett ist schon lange tot .

          Schnell entwickelte er sich zum Testosteron-Monster

          Paul Rodgers aber lebt und hat das Queen-Engagement, das ein demütigendes Missverständnis war (weil Freddie-Mercury-Fans mit ihm gar nicht zufrieden gewesen sein können), augenscheinlich gut überstanden, wie seine neue Platte vermuten lässt. „The Royal Sessions“ beziehen sich im Titel auf die Studios in Memphis, in denen einst Großes geschah, dürfen aber auch ganz wörtlich genommen werden; denn so königlich, verschwenderisch kompetent hat wohl kein Brite mehr seit Frankie Millers Stax-Volt-Imitat, das vor allem eine astreine Otis-Redding-Verbeugung war (1977 auf der Platte „Full House“, genuin amerikanischen Soul eingesungen, Phil Collins’ Motown-Projekt einmal ausgenommen.

          Denkerpose? Paul Rodgers agiert weniger mit dem Kopf als vielmehr mit Kraft und Gefühl

          Es ist eine, man kann es nicht anders sagen: genuine Anverwandlung, kein Imitieren wie bei den Neo-Soul-Bubis Eli Paperboy Reed oder Aloe Blacc, bei denen der Stilwille manchmal doch etwas zu aufdringlich und dann auch durch ein Allerweltswort wie „Respekt“ nicht mehr zu entschuldigen ist. Paul Rodgers dagegen bringt ein Fundament mit, um das ihn auch die allerbesten Kollegen beneiden: eine Intonationssicherheit, die auch nach 45 Jahren nicht nennenswert gelitten hat.

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