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Album der Woche: Neneh Cherry : Da schmeckt das Limonenbier gleich besser

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Out Of The Black feat Robyn“ Bild: Kim Hiorthoy

Ewig nichts von der hübschen Tanzflurgöre gehört: Jetzt ist Neneh Cherry mit neuen Liedern zurück - Musik, die mehr ist als Krisenverarbeitung.

          Neneh Cherry ist eine gefährliche Frau. Trägt man sie im Herzen, kann es passieren, dass die Menschen einen für verrückt halten. Man sitzt etwa eines netten Abends neben einem sehr anständigen, sympathischen Menschen in einer Berliner Fußballkneipe, welcher das gleiche blauweiß gestreifte Trikot wie man selbst trägt, und nun, nach mehreren gemeinsam durchzitterten Saisons, ist es auch mal an der Zeit, persönliche Dinge auszutauschen. Der nette Mensch ist nebenher DJ, in den Neunzigern war er tief in die Clubmusik abgetaucht, jetzt, in letzter Zeit, versucht er, andere Stile nachzuarbeiten, R & B, Soul, deutschen Kleingartencountry, was auch immer. Er hat gerade eine offene Phase. Und da fragt er einen dann mit seinen interessierten Augen: Was man selbst denn so höre.

          Da einen diese Frage stets überfordert, stottert man erst mal ein bisschen rum und zieht ungeschickt an der Zigarette, da man ja immer nur aus Höflichkeit mitraucht, an den netten Abenden. Sagt man schließlich: Also, im Moment würde man sich wahnsinnig auf die neue Platte von Neneh Cherry freuen. Und dann kommt dieser irritierte Blick. Man weiß, man ist soeben drei Etagen der Wertschätzung in die Tiefe gerauscht. Denn Neneh Cherry, da kann man Pech haben, ist bei vielen Menschen als Dollarzeichen-Goldketten-behängte Madonna-Epigonin der Spätachtziger in Erinnerung oder vielleicht noch mit einem oder zwei ihrer schmalzigeren Hits, die dann später noch kamen.

          Um den Abend zu retten, fragt man den Vereinskameraden flehentlich: was er denn kenne von ihr. Und er, der die Neunziger ja in Berliner Rave-Bunkern verbracht hat, sagt mit der äußersten ihm zu Gebote stehenden Neutralität: na ja, dieses „Manchild“. Das ist natürlich der Worst Case. Ist einer jener gutgemeinten, doch irgendwie deutlich käsigen Hits, die Neneh, die polyglotte, hochhübsche und wunderbegabte Stieftochter des Freejazzers Don Cherry, versehentlich mal rausgehauen hat. Um sie und sich zu retten, haspelt man los: Nein, nein, das sei natürlich eigentlich nicht Neneh Cherry, oder jedenfalls mache sie das nicht aus! Sondern er solle mal in das schöne Album „Homebrew“ von 1992 reinhören, welches im kollektiven Gedächtnis der dumpfen Massen nicht sonderlich tief verankert sei, ein großartiges, verspieltes, mutiges Album, in dem Neneh, ohne dabei den Willen zum Pop zu verlieren, sämtliche Grenzen überschritt, die es zu überschreiten gab, oder, na ja, jedenfalls doch einige: Als Tanzflurgöre mit dem bis heute frischen „Buffalo Stance“ auf die Welt gekommen, habe sie hier einen großen und selbstbewussten Schritt unternommen, habe traumwandlerisch sicher eine Musik kreiert, die zwischen Triphop, Funk, Jazz und Singer/Songwritertum oszillierte und in der jeder Song eine ganz eigene Farbe hatte. Nebenbei, erläutert man, habe Neneh es geschafft, Superstars aus unterschiedlichsten musikalischen Ecken wie selbstverständlich auf dieser ihrer Platte zu vereinen. Mit dem viel zu früh verstorbenen Guru von Gangstarr habe es ein schmissiges, jazzmatazziges Rap-Duett „Soul Sassy“ gegeben, ebenso habe R.E.M.s Michael Stipe auf dem unbehauenen Rockkracher „Trout“ gastiert. Das sei mal eine Platte gewesen! Sie habe Horizonte geöffnet. Habe erzählende mit tanzbarer Musik versöhnt.

          Mehr als zwanzig Jahre sei das nun her, und diese ganze Zeit über habe man, ohne sich darüber richtig im Klaren zu sein, auf die nächste und übernächste und überübernächste Zuckertüte Neneh Cherrys, am liebsten im Jahresrhythmus, gewartet. Und wie einem erst kürzlich klargeworden sei, kam und kam und kam die einfach nicht. 1996 habe Neneh das minder spannende Album „Man“ nachgelegt. Dann sei das große Schweigen gekommen. Das Versprechen aber, das sie abgegeben habe damals, 1992, so sagt man, nachdenklich an der Limonenbierflasche rumzubbelnd, das habe man niemals vergessen.

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