https://www.faz.net/-gsd-88rjy

Album der Woche : Muss das so eiern?

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Undeniable“ Bild: Logan White

Eine mittelschwere psychedelische Verstimmung: Das aus der Zeit gefallene Debüt des Mild High Club erinnnert an die schrille Phase der Beatles, kommentiert aber die Facebook-Gegenwart.

          2 Min.

          Das Foto hat einen Gelbstich. Schwer zu sagen, was gelber ist: Die Tapete, das Haar oder das Hemd. Das Bild zeigt Alexander Brettin in Nahaufnahme: lässig eine Zigarette zwischen den Lippen, eine Rauchwolke verdeckt sein linkes Auge, das rechte ist ohnehin nur halb geöffnet. Die ungekämmten lockigen Haare hängen wie Vorhänge an beiden Seiten des Gesichts hinunter, bis auf die Schultern. Natürlich darf auch ein buschiger Schnauzer nicht fehlen. Im Hintergrund eine Tapete mit Lilienmotiv, ein wenig Gold scheint sich in den Gelbfilm zu mischen.

          „Welcome to the Mild High Club, a wayward home for the musical output of Alexander Brettin“ unterschrieb sein neues Label Stones Throw Records Anfang des Jahres das Foto. ‚Wayward’ also soll die Musik sein, die Brettin  auf seiner ersten Langspielplatte veröffentlicht: eigenwillig, unberechenbar, launisch. Tatsächlich ist das Debüt „Timeline“ vor allem eines: schräge, aus der Zeit gefallene Songwriter-Musik, hoffnungslos altmodisch in ihrer Langsamkeit und dem Arrangement.

          Das erste Stück ist dann auch in guter alter Tradition ein rein instrumentales Intro. Sehr langsam schwillt ein Synthesizer an, erst nach zwanzig Sekunden kommt aus der Ferne eine Gitarre, später ein leise schepperndes Schlagzeug. Die Gitarre hüpft ein paar Minuten durch eine traumartige Melodie, bis die Instrumente verzerren und man einen Wecker zu hören scheint: „Aufwachen! Aufwachen!“ Besser nicht. Denn in den nächsten fünfundzwanzig Minuten wabert man auf bezaubernde Weise auf und ab in Brettins Unterbewusstsein.

          Alexander Brettin selbst ist aus dem mittleren Westen nach Los Angeles gezogen, für die Musik. Anders als zur Zeit des kalifornischen „Gold Rush“ hat er das Gold mitgebracht - in kleinen Schnipseln, die er in „Timeline“ versucht zusammenzusetzen. Der ausgebildete Jazzmusiker nahm, bewaffnet mit Drumcomputer, Bass, Keyboard, Gitarre und „allem, was herumlag“ den Großteil der Songs in seinem Wohnzimmer auf einem vierspurigen Kassettenrecorder auf. Das hört man. In Zeiten klinischer Sterilität in Aufnahmestudios wird aus der Not eine Tugend. Der Sound der Langspielplatte ist ausnehmend warm.  Dicke Klangteppiche aus der elektronischen Orgel füttern ihn aus und an der Gitarre folgt ein leierndes Vibrato nach dem anderen. Brettin steckt mit einem Bein tief im Sumpf des Psychedelic Rock.

          Einsinken in die Tapete: Alexander Brettin.

          „Windowpane“ ist das vielleicht beste Stück der Platte. „In our minds we were experimenting“, singt Brettin nuschelnd und offenbar im Halbschlaf. Das gemahnt für einen Moment an die Beatles in ihrer psychedelischen Phase Ende der sechziger Jahre, etwa an ‚Long Long Long’ vom weißen Album oder ‚Because’ von Abbey Road. Aber für die Beatles, das zeigt der Rest des Albums, ist Brettins Musik dann doch zu wenig poppig und arrangiert.

          Bei „Note to Self“ und „Undeniable“ klingt sie fast wie Slacker-Rock - aus halber Brust, langsamer, leiser, aber mit der gleichen Attitüde: hingerotzte Gleichgültigkeit und Coolness. Und bei „Elegy“ meint man einen Hauch von Elliot Smiths Traurigkeit zu spüren. Einzig der Schluss hinterlässt einen etwas ratlos.  Fast schon belanglos kommt „The Chat“ daher: eine dick in Synthesizer und schwirrende Gitarren gehüllte Dreampop-Nummer über eine virtuelle Bekanntschaft, die dann wie eine Probeaufnahme ausläuft.

          Ende Oktober kommt Mild High Club für ein einziges Deutschland-Konzert nach Berlin. Bis dahin kann man ihn nur virtuell erleben. Er selbst zieht - wie könnte es anders sein bei dieser Musik? - das Analoge vor, singt er doch im Titelstück über die Facebook-Kultur: „You can’t live your life on a timeline.“

          Weitere Themen

          Selbst die Grenze hat eine Stimme

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

          Nur Gesichter bannen die Tristesse

          DDR-Fotos von Helga Paris : Nur Gesichter bannen die Tristesse

          In der DDR lag die Wahrheit über den Sozialismus auf der Straße, aber es brauchte Mut und Kaltblütigkeit, sie festzuhalten. Beides besaß die Fotografin Helga Paris. Die Berliner Akademie der Künste zeigt ihr Werk.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Wahlkampf-Termins in einer Chips-Fabrik im nordirischen County Armagh

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.
          Für Normalverdiener entfällt der Posten Solidaritätszuschlag künftig auf dem Steuerbescheid.

          Für 90 Prozent der Zahler : Der Soli wird zum Teil abgeschafft

          Ab 2021 entfällt der Solidaritätszuschlag – zumindest für diejenigen, die nicht mehr als 73.874 Euro brutto im Jahr verdienen. Doch auch wer mehr verdient, kann von der so genannten Milderungszone profitieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.