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Album der Woche: Morrissey : Don Juan trägt kein Unterhemd

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „World Peace Is None Of Your Business“ Bild: Universal Music

Die Systemkritik auf Morrisseys neuer CD kannten wir schon. In Erstaunen versetzt, wie souverän er an frühere musikalische Qualitäten anknüpft.

          2 Min.

          Für Pamphlete ist er immer gut. Vergangenes Jahr unterstützte Morrissey lautstark die „No Vote“-Bewegung: An politischen Wahlen teilzunehmen bringe nichts mehr, weil das Establishment ohnehin alles unter sich ausmache. Jetzt hat er diese Ansicht auch noch in Liedform gebracht: „Each time you vote you support the process“, lautet der Refrain, weiter heißt es: „Brazil and Bahrain / Oh, Egypt, Ukraine / So many people in pain“. Was würde man wohl zu solcher Lyrik sagen, wenn sie nicht mit dem Nimbus des großen Morrissey versehen wäre? Dann wäre das wohl einfach Reimkäse.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Titel des Lieds wie auch des ganzen neuen Albums ist wohl sarkastisch gemeint: „World Peace is None of Your Business“ (Harvest/Universal), das soll die Opium-Parole sein, mit welcher der kleine Mann mundtot gemacht wird - der ja nichts zu melden hat, obwohl er brav seine Steuern bezahlt. Morrissey, so schließen wir daraus, schert sich sehr wohl noch um den Weltfrieden und glaubt, ihn durch Wahlverweigerung herbeiführen zu können.

          Gaga in Malaga

          Weitere Songs stehen im Zeichen der Systemkritik. In einer Fernsehsendung hatte Morrissey vergangenes Jahr das Fehlen von Debattenkultur und intellektuellen Sozialreformern in England beklagt und gefragt: Wo ist unser Allen Ginsberg, wo unser James Baldwin? „Neal Cassady drops dead / And Allen Ginsberg’s tears shampoo his beard“, singt Morrissey nun. Die Beat-Dichter fallen tot um, denn: „Everyone has babies / Babies full of rabies / Rabies full of scabies / Scarlet has a fever.“ Ist das jetzt eine Kritik der Klatschpresse, des Fernsehens oder der Dichtung selbst?

          Wenn Letzteres der Fall ist, dann könnte der Lieddichter ja zeigen, wie man es besser macht. Bei „Istanbul“ und „Staircase at the University“ gelingt ihm das, mit Ansätzen alter smithsonischen Wehmutskaskaden im Gesang, und beim Anti-Stierkampf-Lied „The Bullfighter Dies“ zeigt sein Reim humoristische Qualitäten: „Mad in Madrid / Ill in Seville / Gaga in Malaga“. Während der Künstler diesen Teil der spanischen Tradition scharf ablehnt, schlägt sie auf dem Album musikalisch dafür umso mehr durch: Flamenco-Rhythmen und Bandoneon grundieren den Menschheitsabgesang „Earth is the Loneliest Planet“ sowie das beste Stück „Kiss Me a Lot“, das kaum Text hat, dafür aber eine umso schönere Melodie. Damit knüpft Morrissey wenigstens einmal an die großen Melodien seines Albums „You Are The Quarry“ (2004) wieder an, in deren Nähe er seither kaum noch gekommen ist. Eine echte Überraschung ist die Bettschmerzballade „Smiler With Knife“, die ausnahmsweise ohne bombastische Band auskommt.

          Aber einmal muss Morrissey dann doch noch offene Türen einrennen mit dem fast achtminütigen Pamphletlied „I’m Not a Man“, das stereotype Vorstellungen von Männlichkeit anprangert: „Don Juan, picaresque, wife beater vest, wheeler-dealer, mover-shaker“ - wenn es diese Attribute brauche, um einen Mann zu beschreiben, sagt Morrissey, dann wolle er keiner sein. Das hat, so kurios der Vergleich hier anmuten mag, Herbert Grönemeyer schon einmal subtiler ausgedrückt.

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