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Album der Woche : So viel Hunger

Sophie Hunger ist Diplomatentochter. Mit Festlegungen hat sie ein Problem. Bild: Beats International

Mit experimenteller Instrumentalmusik läuft es für die Schweizer Sängerin Sophie Hunger seit mehr als zehn Jahren bestens. Jetzt veröffentlicht sie ein Album voller Elektropop. Über den Spaß an der Dekonstruktion.

          Erinnerungsschnipsel an diese Schweizerin im Lichtkegel der Bühne: Sie steht mit langem braunen Vorhanghaar und verklärtem Blick über ihre stattliche Western-Gitarre gebeugt, verzieht, wenn die Melodie besonders hoch oder tief oder es musikalisch besonders anspruchsvoll wird, das ungeschminkte Gesicht, und ihre Bewegungen werden wilder, als gelte es, jede Note mitzufühlen, auch die schmerzhaften. Unvermittelt wechselt sie das Instrument, Klavier kann sie auch, oder erzählt mit beruhigender Stimme nebensächliche Geschichten. Wenn Sophie Hunger ihre Musik teilte, hatte das immer etwas Intimes, Verkleinerndes, ein Kammerkonzert vor Hunderten, die kaum zu atmen wagten.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ihr neues Album heißt „Molecules“ und beginnt mit einem Beat, der klingt, als pralle ein elastischer Ball auf einer dumpf tönenden Fläche auf, immer wieder, bis der Bass in einen endlosen Synthie-Beat überläuft. Dann schaltet sich Sophie Hungers gläserne Stimme ein, pathetisch und verwirrend, und auf einmal breitet sich der Elektropop im Raum aus, mit ganz anderen, neuen Bildern: Sommerabend-Raves im Grünen, Sternenhimmel, Tanzen bis zum Morgengrauen, filmreife Szenen. Ihre neue Musik klingt merkwürdig groß.

          Ihr neues Album „Molecules“ dekonstruiert nicht nur Sophie Hungers eigene Musiktradition.

          Zu den spannenden Seiten an der Berner Musikerin gehört die Verweigerung von Festlegungen. Im Frühjahr wurde sie 35 Jahre alt, aber bei allem, was sie schon ausprobiert hat, verwundert das fast: Mit 23 die erste Platte, selbst aufgenommen und vermarktet, ein Jahr später der erste Auftritt auf dem Montreux Jazz Festival, dann immer neue Alben und Preise – es lief auch einfach zu gut. Das Normale, Erwartbare war nie Sache der in drei verschiedenen Ländern Aufgewachsenen, die mit Hiphop, Rock, Country, Folk, Volksmusik experimentierte. Wenn Sophie Hunger auf Französisch singt, klingt sie wie eine Chansonnière, auf Englisch wie eine Schwester von Feist. Manchmal komponiert sie tatsächlich Film-Soundtracks. Auch dafür hat sie Preise bekommen.

          Seit sie in Berlin lebt, geht Sophie Hunger mehr aus. In den Clubs der Hauptstadt kann sie zu jeder Uhrzeit und in jeder Stimmung elektronische Musik hören. Nach ihrem Album „Supermoon“ hat  Hunger einen Kurs in Ton- und Aufnahmetechnik gemacht, in Los Angeles, wo man sich die Inspiration grenzenloser vorstellt als an einer Berliner Volkshochschule. Zugleich wird jetzt wieder an ihre Vergangenheit in Indie- und Elektrobands erinnert. Sie selbst nennt ihre neue Entdeckung „Minimal Electronic Folk“.

          Das klingt zunächst sehr seltsam, denn das Zusammenspiel ihrer Musiker und die Improvisation waren mehr als zehn Jahre lang Markenzeichen von Sophie Hungers Arbeit. Ihre Komplexität stand für die Qualität ihrer Musik. Und dann ein ganzes Album auf Englisch, wo sie doch genauso gut auf Deutsch, Französisch, Schwyzerdütsch singen könnte! Das Spiel mit den Sprachen, hat Sophie Hunger einmal gesagt, lasse ihr die Freiheit, forschend, wie blind vorzugehen. Dass sie irgendwann die Strategie wechseln würde, hätte man sich denken können: „Und wenn du bald nach Hause kommst, dann bin ich nicht mehr hier“, sang Hunger 2012 in „Das Neue“. „Ich kann nicht bleiben, wie ich bin. Mit dir.“ Für diese Fluidität liebte man sie ja auch.

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