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Album der Woche : Mit Jazzbass auf dem Weg nach Nashville

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Warum sind die fabelhaften Wood Brothers nicht längst viel bekannter? Ihr neues Werk „Paradise“ kann schon jetzt als das beste Americana-Album des Jahres gelten.

          Der Kontrabass ist in der Folk- und Countrymusik etwas aus der Mode gekommen, es reist sich natürlich auch nicht so leicht mit so einem Riesending. Aber andererseits ist sein Klang eben durch nichts ersetzbar, und wenn man seine Saiten auch noch so bauchig-jazzig singen lassen kann wie Chris Wood, dann wird daraus ein Element, das man im Americana-Genre so eigentlich gar nicht kennt – was für eine Bereicherung!

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Chris Wood ist der Welt bekannt als Mitglied des Jazztrios Medeski, Martin & Wood. Aber dass er seit nunmehr zehn Jahren auch sehr feine Roots-Musik macht, nämlich in einem anderen Trio mit seinem Bruder Oliver Wood an Gesang und Gitarre und dem Multiinstrumentalisten Jano Rix unter dem zünftigen Namen The Wood Brothers, das scheint sich noch längst nicht genug herumgesprochen zu haben.

          Als 2006 das Debüt „Ways Not to Lose“ erschien, auf dem der urige Sound akustischer Instrumente in unverfälschter Aufnahme gleich auf das Schönste zur Geltung kommt, landete es in der Jahresendwertung des amerikanischen National Public Radio dennoch auf einer Liste der übersehenen Alben des Jahres. Zwei Dinge allerdings, die der NPR-Kritiker damals schon bemerkte, kann man bis heute nicht besser sagen: Er bezeichnet Chris Woods Bass-Sound als „beefy“ und er sagt, die Songs wirkten, als wären sie auf einer Veranda während eines hübschen Sonnenuntergangs erschaffen worden.

          Das gilt genauso auch für die folgenden Alben. Inzwischen ist Chris Wood (wie so viele Musiker in den letzten Jahren) nach Nashville gezogen, und es hat ihm offenbar nicht geschadet. Das neue Werk heißt „Paradise“. Es zeigt die Wood Brothers in bester Verfassung. Und sie erweitern mit dieser Platte nochmal beträchtlich ihr musikalisches Spektrum.

          Bei den ersten beiden Stücken wähnt man sich zunächst auf einem Bluesrock-Album: Angezerrte Gitarren und Mundharmonika grundieren „American Heartache“, sehr trocken und schön krächzig klingt das. Aber als dann wirklich Gäste aus einer Bluesband dazukommen, nämlich Susan Tedeschi und Derek Trucks, wird es zur Überraschung auf einmal gospelig.

          Das wächst – und wie!

          Die Ballade „Two Places“ beginnt als abgespecktes Unplugged-Stück, wird dann aber Schritt für Schritt aufgerüstet: Eine Orgel mit sehr warmem Sound steigt ein, dann sogar noch Blechbläser mit einer Andeutung von Trauerzugs-Marchingband. Ganz langsam mäandert es dann in eine Akkordfolge, die an Eric Claptons „Let it Grow“ erinnert. Ja, das wächst, und wie! Trotzdem wirkt das alles nicht überladen, sondern sehr wohldosiert, es hat fast den Anschein, dass, was immer diese Wood Brothers anfassen, einfach gut wird.

          Vielleicht könnte man auch sagen, dass sie einfach das Beste des amerikanischen Südens musikalisch zusammenbringen: Von Nashville ist es ja auch nicht weit bis Memphis, von wo aus der Mississippi einen dann hinunterführt nach New Orleans. Und sogar Latino-Einflüsse gelingt es den Wood Brothers geschickt zu integrieren („Without Desire“). „Touch of Your Hand“ ist angetäuscht mexikanisch, dann wieder bricht sich  Cajun- und Zydeco-Musik Bahn auf „Heartbreak Lullaby“.

          Wenn man schließlich beim letzten Stück „River of Sin“ angelangt ist, das sich, wieder zuerst nur ausgehend von dem bauchigen Bass, spärlichen Gitarrenakkorden und etwas Bar-Piano, schließlich aufschwingt zu einer wirklich großen Gospelballade, besteht kein Zweifel mehr, dass dieses vielseitige Werk schon jetzt als das beste Americana-Album des Jahres gelten kann.

          Ganz angekommen im Paradies wähnen sich die Wood Brothers aber wohl noch nicht: „Salvation just out of reach“, heißt es in einer schönen Refrainzeile, und dazu passt auch das Titelbild des Esels, der einer am Stock ihm vorgehaltenen Karotte folgt. „I'll swallow some pride but I won't be denied / I'll try again and again“, singen die Brüder.

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