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Album der Woche : Mit Hilfe der Knuddelmagie

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Turteltäubchen? Joan Wasser und Benjamin Lazar Davis Bild: Reveal Records

Alles andere als retro: Für ihr neues Album hat sich Joan As Police Woman mit Benjamin Lazar Davis zusammengetan. Inspiriert von westafrikanischer Musik, arbeiten sie an einer zeitgemäßen Form von Soul und R&B.

          Joan Wasser, besser bekannt als Joan As Police Woman, hat schon mit vielen Größen der Rock- und Popmusik zusammengearbeitet; zumeist stellt sie ihr Können in den Dienst anderer. Die ausgebildete Violinistin und frühere Gefährtin von Jeff Buckley wirkte bei den Johnsons mit, der Begleitband des Schmerzensmannes Antony Hegarty, der zur Schmerzensfrau Anohni wurde und sich auf ihrem Debütalbum gesanglich revanchierte; zu ihren weiteren Kunden und musikalischen Sparringspartnern gehörten etwa Lou Reed, Nick Cave, Elton John, Elvis Costello, Rufus Wainwright und Dave Gahan von Depeche Mode. Bei ihrem Bandprojekt gibt sie normalerweise selbst den Ton an. Dass sie nun eine Platte aufgenommen hat in gleichberechtigter Kooperation mit einem anderen Künstler, ist also ungewöhnlich. Zumal dieser Künstler bislang allenfalls Eingeweihten ein Begriff ist.

          Benjamin Lazar Davis, ein in Brooklyn lebender, wuschelköpfiger Multiinstrumentalist, Singer-Songwriter und Produzent, hat sich erste Meriten für seine Zusammenarbeit mit Okkervil River verdient. Er ist Mitglied der quirligen Poptruppe Cuddle Magic und hat mit seiner früheren Kommilitonin Bridget Kearney eine EP aufgenommen, inspiriert von einer gemeinsamen Recherchereise zur traditionellen, polyrhythmischen Musik in Ghana. Bereits am New England Conservatory hat sich Davis mit westafrikanischer Musik beschäftigt. Nach einem Konzert von Cuddle Magic, bei dem Joan Wasser im Publikum stand, sprach er sie an. Er schmierte ihr Honig um den Mund, indem er ihr sagte, dass er ihr Debüt „Real Life“ sehr schätze. Wer wollte ihm da widersprechen? Davis’ Rhythmusgefühl wiederum hinterließ bleibenden Eindruck bei ihr. Man hat sich offenbar auf Anhieb gut verstanden.

          Auch Joan Wasser hat den schwarzen Kontinent bereist, als Teil von Damon Albarns Projekt Africa Express. Wie sich herausstellte, teilt sie mit Davis eine Vorliebe für die musikalischen Muster der Pygmäen, insbesondere für das Ostinato der Flöte. Auf solchen Ostinatos baut die Mehrzahl der Songs auf, die Joan As Police Woman und Benjamin Lazar Davis für „Let It Be You“ eingespielt haben. Sie wurden auf die Gitarre übertragen und in Loops verwandelt. Und gleich im Auftaktstück, dem Ewigkeitsversprechen „Broke Me In Two“, zeitigt diese Herangehensweise in Verbindung mit Wassers variationsreicher Stimme und einem Piano faszinierende Ergebnisse. Das, was sie selbst einmal als „Punk Rock R&B“ versprach und auf ihrem letzten Album „The Classic“, das kein Klassiker wurde, nicht mehr einzulösen verstand, hier bekommt es eine neue, triftige Facette. Auch wenn sich Joan As Police Woman schon immer zwischen Blues, Soul, Funk, Jazz und Pop bewegte, ohne je den Verdacht aufkommen zu lassen, am kalten Kaffee des allerorten reüssierenden Retro-Soul auch nur nippen zu wollen, so weit wie auf „Let It Be You“ hat sich die Grenzgängerin stilistisch noch nie vorgewagt.

          Wer nun aufgrund der Vorgeschichte hofft oder befürchtet, das Ganze klinge nach Afrobeat oder Weltmusik, sieht sich getäuscht. Nicht umsonst tragen Davis und Wasser einen Blaumann auf dem Coverfoto, jeweils eine Hand auf der musikalischen Maschinerie. Hier wurde an Songs geschraubt, gefeilt und gelötet. Passend dazu wurde das Video zu „Broke Me In Two“ in einer Reparaturwerkstatt gedreht, mit dem Schauspieler und Produzenten Fred Armisen ( bekannt durch die Hipster-Serie „Portlandia“) in der Hauptrolle. Wasser gibt dazu selbstironisch die leicht trashige Bling-Bling-Braut in mondäner Nobelkarosse, ein sanfter Rippenstoß Richtung Rihanna und Beyoncé, während Davis es sich vollbärtig auf dem Beifahrersitz bequem macht. Im zweiten Video zu dem Album, „Overloaded“, werden die Rollen dann vertauscht: Armisen trägt einen schicken Anzug und ein merkwürdiges Faible für Plastikfolie zur Schau, Wasser und Davis übernehmen die Inspektion des Luxusschlittens.

          Das technisch avancierte Soundgerüst von „Let It Be You“ mag zunächst gewöhnungsbedürftig erscheinen, uninteressant ist es nie. Ob es den Weg in die Zukunft weist oder ob es sich um ein einmaliges Projekt handelt, wird sich zeigen. Joan As Police Woman steht die Experimentierfreude jedenfalls gut zu Gesicht. In ruhigeren Momenten wie „Magic Lamp“, „Satellite“ oder dem zuerst von melancholischen Gitarrenklängen getragenen, dann in wuchtige Percussion mündenden Ausklang „Station“ spielt Wasser ihre gewohnten Stärken aus, lässt ihren Gesang changieren zwischen Zartgefühl und Durchsetzungskraft, freilich ohne in stimmliche Hochseilartistik abzudriften oder auf die Tränendrüse zu drücken. Spannender bleiben indes jene Songs, in denen Davis’ Handschrift deutlicher hervortritt, etwa im Titelstück. Da wird kräftig in die Hände geklatscht, ein Keyboard wankt und schwankt, und Joan Wassers Sprechgesang vervielfacht sich wie von selbst.

          Wichtiger jedoch als jeder modernistische Klimbim ist die Tatsache, dass die Melodien der Platte, die repetitiven Strukturen haftenbleiben. Es ist nicht immer einfach, sie unter einigem produktionstechnischen Budenzauber ausfindig zu machen, sie widersetzen sich dem oberflächlichen Hörgenuss. Hat man sie aber erst einmal entdeckt, erstrahlen sie in subtiler Schönheit. Auf eine solche Strategie hat Joan As Police Woman seit jeher gesetzt, selten makelloser als auf einer ihrer allerersten Singles vor zehn Jahren, „Eternal Flame“. Mit Benjamin Lazar Davis erreicht sie in den besten Passagen von „Let It Be You“ dieselbe Intensität und Anmut, wenn auch mit vollkommen anderen Mitteln.

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