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Album der Woche: Micah P. Hinson : Großvater, wer ist dieser wilde Knabe?

  • -Aktualisiert am

Micah P. Hinston mit Gitarre und obligatorischer Kippe. Bild: Talitres

Vor drei Jahren wurde Micah P. Hinson bei einem Unfall schwer verletzt. Nun hat sich der Country-Dandy erholt und ein tolles Album mit rustikalen Klängen und Rockabilly-Fegern aufgenommen.

          3 Min.

          Ungezählt sind die Popsongs über den süßen Vogel Jugend, aber wie wenige gibt es, die zu Ehren von Greisen gesungen werden? Selbst in der Country-Musik, wo noch am ehesten mit alten Werten zu rechnen ist, regiert ja mittlerweile ein Jugendwahn das Erscheinungsbild wie auch die lyrischen Sujets - sofern man von Lyrik bei den immergleichen, nach dem Rezept „Mein Truck, mein Bier, meine Tailgate-Party“ zusammengerührten Mainstreams des neuen Country überhaupt noch sprechen kann.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn einer also eine Hymne auf den Großvater singt, die zudem noch den umständlichen, fast barocken Titel „The Life, Living, Death, and Dying of a Certain, and Peculiar, L.J. Nichols“ trägt, dann lässt das schon aufhorchen. Wenn er das dann auch noch mit einer derartig brüchigen, sich gelegentlich überschlagenden Stimme tut wie Micah P. Hinson, obwohl er erst dreiunddreißig Lenze zählt, ist die Überraschung perfekt: „Oh Grandpa, Grandpa, oh, oh“, singt er mit schwerem Südstaatenakzent über einem Stampf-Shuffle, und bevor das sehr hübsche Pedal-Steel-Gitarrensolo in der Mitte des Songs losgeht, ruft er noch ein formvollendetes „Take it away, Mac!“ in die Runde seiner Band: Hier kommt noch nicht alles aus der Konserve, sind die Mitmusiker nicht nur Staffage.

          Schillernde Figur mit Kippe im Mundwinkel

          Die Geschichte dieses Großvaters ist freilich nicht ohne Widerhaken: Sie erzählt von einem einfachen Mann, der früh von zu Hause ausreißt und um die Welt tingelt („My grandpa left the farm to see what he could see / Tired of watching his ma getting whipped on the tree“), um dann am Ende selbst wieder seine Kinder mit harter Hand zu erziehen („He ruled with an iron fist and a harpooned mouth“). So ist der scheinbar leichte Shuffle eben doch keine verklärte Rückschau auf die Weisen der Old Folks, sondern bekommt durch die Wiederkehr des gewalttätigen Vaters eine bittere Note der Unausweichlichkeit.

          Schon rein äußerlich ist Micah P. Hinson an alten Größen seines Musikgenres orientiert: Auf seiner Gitarre klebt ein Woody-Guthrie-Gedächtnisschild mit der Aufschrift „This Machine Kills Fascists“ (eine vielleicht etwas abgenutzte Pose); seine Physiognomie hingegen lässt eher auf den jungen Hank Williams schließen. Arbeiter-Folk und Jodel-Country: das ist eine gute Mischung. Dazu gibt sich Hinson aber auch noch eine etwas dandyhafte Aura: Kaum ein Foto, auf dem er nicht mit einer Zigarettenspitze posiert. In Kombination mit steilen Geschichten über seine religiöse Erziehung im amerikanischen Süden, frühes Rebellentum und Drogenerfahrungen ergibt dies eine schillernde Figur, wie man sie gerne auf der Bühne stehen sieht.

          Zwischen Springsteen und Willy DeVille

          Gut zehn Jahre ist Hinson nun schon im Betrieb, seine Alben tragen ulkige Titel wie „Micah P. Hinson and the Gospel of Progress“ (2004) oder „All Dressed Up and Smelling of Strangers“ (2007). Dass es nunmehr „Micah P. Hinson and the Nothing“ zu hören gibt, hat allerdings einen weniger ulkigen Hintergrund. Im Sommer 2011 schreckte eine Nachricht auf, in der von einem beinahe tödlichen Autounfall des Sängers während einer Tournee in Spanien die Rede war, die Mobilität beider Arme war betroffen.

          In der Ungewissheit, ob er sie je wieder richtig benutzen könne, so heißt es, habe Hinson zu Hause in Texas dann Demos für das nächste Album durchgehört und irgendwann beschlossen, die Songs mit Hilfe von befreundeten Musikern rund um die Welt ins Leben zu rufen. Aufgenommen wurden die Lieder schließlich in einer zweiwöchigen Session im spanischen Santander, zu der Hinson immerhin sein wichtigstes Instrument beisteuern konnte: seine Stimme. Aber glücklicherweise, so wurde inzwischen bekannt, steht es wohl doch auch wieder besser um die Arme.

          Das Glück im Unglück dieser Geschichte ist, dass durch die Kollaboration zahlreicher Gastmusiker ein überaus klangfarbenreiches Album entstanden ist - mit Banjo, Viola und offenbar auch einer singenden Säge (oder auch ihrer elektronischen Variante, einem Theremin) bei dem Rockabilly-Feger „The Same Old Shit“. Der leichte Hall auf dem Gesang und das rhythmische Klackern der Schlaghand auf dem Kontrabass lassen auch ein Bluegrass-Stück wie „There’s Only One Name“ latent nach Rock ’n’ Roll klingen. Die Ballade „On the Way Home (to Abilene)“ strahlt dagegen eine Wehmut aus, die zwischen frühen Springsteen-Songs und dem trotzigen Stolz von Willy DeVille changiert. Er ist nicht von schlechten Eltern, dieser Country-Dandy aus Texas, und das schwer erarbeitete neue Album ist ein Goldstück.

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