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Album der Woche: Lucinda Williams : Die hat allerhand durchgemacht, Gott ist ihr Zeuge

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Temporary Natur Of Any Precious“ Bild: Thirty Tigers

Sie hat die Mythen des Delta-Blues mit der Muttermilch aufgenommen. Mit ihrem neuen Album „Down Where The Spirit Meets The Bone“ überbietet Lucinda Williams, eine unbestrittene Autorität für konservative Rockmusik, sich und andere

          3 Min.

          103 Minuten: Hat es schon mal eine so lange Rock’n’Roll-Platte gegeben? Man muss schon zurückgehen bis „Use Your IllusionI&II“ von den Guns N’Roses (1991), ein Doppel-, ja, eigentlich Vierfachschlag, der bis heute nachdröhnt; der kam auf gut 150 Minuten. Aber sonst?

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon deswegen ist das Doppel- (auf CD) beziehungsweise Dreifachalbum (auf Vinyl) von Lucinda Williams eine Ansage: 103 Minuten durch und durch altmodische Musik. „It is not like I was reinventing the wheel“, wiegelte die Sängerin im Vorfeld ab, und das war klug von ihr, denn das Rad hat sie tatsächlich nicht neu erfunden. „Down Where The Spirit Meets The Bone“ (auf Highway 20 Records/Thirty Tigers) gibt sich vielmehr schon im Titel traditionsgesättigt und vollbringt das Kunststück, Musik, die es, auch in akkurat dieser Form, seit fast fünfzig Jahren gibt, zeitgenössisch klingen zu lassen. Der Titel ruft Erinnerungen auf, die noch weiter zurückgehen: Die Verbindung zweier grundverschiedener Elemente weckt die vielfältigsten Erwartungen, nicht unbedingt nur gute, egal, ob nun Zwangsläufigkeit oder Zufall im Spiel ist. Etwas riskant Zuspitzendes liegt darin, das aber mit Glück zu etwas Neuem, nie für möglich Gehaltenem führen kann. Und im Nu ist man schon bei Robert Johnson und seinem „Cross Road Blues“, diesem Dokument einer Teufelsverschreibung, die, so geht die Legende, seine instrumentellen Fähigkeiten schlagartig verbessert haben soll.

          Lucinda Williams hat die Mythen des Delta-Blues mit der Muttermilch aufgenommen. Ihre Debütplatte bestückte sie 1978, nachdem sie auf ihren Tingeltangeltouren durch Texas genügend Stallgeruch angenommen hatte, ausschließlich mit Country- und Bluesstandards im Spannungsfeld zwischen den unberechenbaren Junggenies Robert Johnson und Hank Williams – eine Prägung, die sich erst mit Verzögerung auszahlte. In den ersten zwanzig Jahren machte sie nur fünf Platten; aber die letzte davon, die inzwischen auch schon wieder legendäre „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998) gab ihrer Reputation als der wohl wichtigsten, eigenständigsten, das heißt: um Moden unbekümmertsten Roots-Musikerinnen den entscheidenden Schub. Restlos festigte sie ihren Ruf mit dem Meisterwerk „World Without Tears“ (2003), auf dem sie sich ihre geschundene oder zumindest recht leidenserfahrene Seele aus der heiseren Kehle sang.

          Man kann sich auch jetzt darauf verlassen, dass so gut wie jede Ausdrucksnuance durch Erfahrung beglaubigt ist. Vielleicht nimmt man ihr die Rolle der Schutzbedürftigen, als die sie sich nun in dem Lied „Protection“ gibt, nicht so ganz ab; aber ihr Eingangsstatement wird schon stimmen: „Well I’ve seen some things in my life as God is my witness/I’ve cried and cried and nobody could help/Now I’m traveling thru the world with dedication/What I do I did all by my own sweet self“. Solche Ansagen sind normalerweise Männern vorbehalten. Hier aber ist ein weiblicher Desperado unterwegs, der südlich von Memphis die meisten Saloons schon von innen gesehen haben dürfte, eine Respektsperson, vor der auch der ungehobeltste Säufer seinen Stetson lüften wird: „Ma’am...“

          Gelegentlich den Kautabak ausspucken

          Allerdings ist dies nur am Rande richtige Cowboymusik. Im wesentlichen belebt Lucinda Williams mit ihren zwanzig Liedern das zwischenzeitlich nahezu ausgestorbene Genre des Country-Soul wieder, wie es in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in schöner Blüte stand. Oft sind die selbstgeschriebenen Stücke arrangiert wie die klassischen Balladen von Joe Tex, Joe Simon oder Solomon Burke. Aus der insgesamt schwächeren ersten Hälfte ragt „Cold Day in Hell“ eindeutig heraus, während es in der zweiten praktisch keinen Schwachpunkt gibt. Die Melodien sind bisweilen überwältigend, die mit viel Prominenz (Greg Leisz, Ian McLagan, Tony Joe White, Bob Glaub) bewerkstelligte Instrumentierung ist makellos, die Produktion unaufdringlich und lässt das Material regelrecht atmen.

          Zum Schluss verbeugt sich die Einundsechzigjährige zehn Minuten lang vor J.J.Cale, dessen „Magnolia“ die Qualität der ausufernden Folk-Moritaten des alten Dylan erreicht. „Down Where The Spirit Meets The Bone“ entfaltet mit unaufgekratztem Musiziergestus eine sanfte Wucht, ein Werk, wie man es schon vom Umfang her so schnell nicht wieder hören wird. Eine Einschränkung nur: Vielleicht sollte sie gelegentlich ihren Kautabak ausspucken, das Verrucht-Abgebrühte glaubt man ihr auch so.

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