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Album der Woche: Leon Russell : Großväterchen Gandalf

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „New York State Of Mind“ Bild: AP

Alterswerk mit Big Band: Leon Russell, der inzwischen aussieht wie Gandalf persönlich, gibt mit seinem Album „Life Journey“ noch einmal alles.

          Zuerst denkt man, jemand habe die neue Platte von Dr. John aufgelegt: Ein sinistres Boogie-Piano und der warme Second-Line-Rhythmus aus New Orleans prägen den Auftaktsong „Come On In My Kitchen“. Es ist aber das Alterswerk von Leon Russell, „Life Journey“, mit dem der Sänger und Pianist seine Karriere resümiert. Da sind gut abgehangene Klassiker die richtige Wahl: „The Masquerade Is Over“, „That Lucky Old Sun“ und „Fever“ krächzt Russell - auch hier fällt einem Dr. John ein -, als ob sein Leben davon abhinge; bei „Georgia On My Mind“ meint man gar, sein Gebiss klappern zu hören.

          Das Album ist zum 72. Geburtstag des legendären Amerikaners erscheinen, und dass der Name Leon Russell nicht mehr jedem etwas sagt, ist ein bisschen auch die Schuld des weißhaarigen Bartträgers, der längst aussieht wie Gandalf persönlich, denn er hat seine Karriere in den letzten dreißig Jahren schleifenlassen.

          Vielleicht der größte Glückspilz der Welt

          Der aus einem Kaff in Oklahoma stammende Russell war Anfang der siebziger Jahre eine ganz große Nummer. In Tulsa war er in den sechziger Jahren auf einen gewissen J. J. Cale gestoßen, mit dem er die Starlighters gründete. Russell zog nach Los Angeles, nahm Gitarrenstunden bei Elvis’ Gitarristen James Burton und etablierte sich in der Folge als Komponist, Keyboarder und Arrangeur. Als Studiomusiker arbeitete er für Ray Charles, George Harrison, die Beach Boys, Jan & Dean, Willie Nelson, Frank Sinatra, Bob Dylan & The Band, B. B. King und die Rolling Stones.

          Daneben schrieb er Hits für obskure Acts wie Gary Lewis & The Playboys und Rita Coolidge, bevor er mit Joe Cocker, für den er „Delta Lady“ verfasst hatte, seine ganz große Stunde erlebte: Russell organisierte und leitete Cockers Begleittruppe, eine chaotische und versoffene Ansammlung von Topmusikern namens Mad Dogs & Englishmen; das Ensemble war Anfang der siebziger Jahre geradezu berüchtigt für allerlei Eskapaden.

          Parallel dazu begann Russell seine Solokarriere. Gleich seine erste Platte enthielt das legendäre „A Song For You“, das in der Folge von den Carpenters, Ray Charles, Whitney Houston, Christina Aguilera und Amy Winehouse gesungen wurde. Später wurde sein Lied „This Masquerade“ zum Karriere-Starter des Jazzgitarristen George Benson. In den achtziger und neunziger Jahren war es still um Russell, bevor ihn Elton John 2009 mit dem Duett-Album „The Union“ wieder ins Rampenlicht holte. Die Platte war eine durchwachsene Angelegenheit, erst mit „Life Journey“ läuft Leon Russell mit seinem gemächlichen Großvater-Sound wieder zu ganz großer Form auf.

          Ein lässiges Big-Band-Arrangement des Clayton-Hamilton Jazz Orchestras - die arbeiten sonst für Diana Krall - lässt den Duke-Ellington-Klassiker „I Got It Bad And That Ain’t Good“ schwerblütig schimmern, „Fool’s Paradise“ glänzt in einer schlanken Quintett-Fassung mit Abraham Laboriel, Willie Weeks, Robben Ford und Larry Goldings (wer das Kleingedruckte auf Plattencovern liest, leckt sich jetzt die Lippen). Greg Leisz lässt die Pedal-Steel-Gitarre auf Paul Ankas „I Really Miss You“ seufzen, und zwei neue Songs hat Russell auch im Gepäck. Der Höllenritt „Big Lips“ wird von dem Rhythmusteam Weeks/Laboriel knochentrocken gehalten, „Down In Dixieland“ schwelgt noch einmal in alten Zeiten, stilecht gesellen sich Posaune, Trompete und Klarinette zum (Jazz-)Quartett.

          Bitterkeit kennt Leon Russell, der nie zu den ganz großen Stars zählte, nicht. Im Gegenteil: „Da das Ende meines Abenteuers näher rückt, habe ich das Gefühl, der vielleicht größte Glückspilz der Welt zu sein.“

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