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Album der Woche: Jack White : Hör auf den Schluckauf des Honkytonk-Pianos!

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Bild: dpa

Du trinkst Wasser, ich trinke Sprit: Jack White ist der Johnny Depp der Rockmusik. Sein zweites Soloalbum glänzt mit Vielfalt und Entschlossenheit.

          Als jüngstes von zehn Kindern ist Jack White, Jahrgang 1975, in der Industrieruinenstadt Detroit aufgewachsen - der Benjamin der Bande, also etwas besonders Schützenswertes, andererseits aber auch das Endglied einer langen Traditionskette. Für ein zehntes Kind ist die Welt ja voller älterer Bruder- und Schwesterautoritäten. So wird man naturgemäß ein narzisstischer Traditionalist, mit anderen Worten: ein Bluesrocker, bei dem eine sensible Seele hinter den Power-Akkorden wohnt.

          „Lazaretto“ - der Titel von Whites zweitem Soloalbum nach dem umjubelten „Blunderbuss“ - klingt halb nach einer neuen Eiscremekreation, halb nach einer erlesenen Form von Krankenhaus. Die Wortgeschichte verweist auf die Seemannsquarantänestationen, in denen einst vor Venedig die ansteckenden Fälle verwahrt wurden. Jack White in Liebesquarantäne? Es wird jetzt viel gemunkelt von der Scheidungskrise und den Frauenproblemen eines kreativen Egomanen und dem Elend, das darin besteht, dass Dan Auerbach von den Black Keys gerade ebenfalls seine Scheidung musikalisch verarbeitet - für White (sensible Seele!) ist Auerbach ja in jeder Hinsicht ein Plagiator.

          Blues fürs 21. Jahrhundert

          Die Songtexte von „Lazaretto“ beweisen jedenfalls einen gewissen Leidensdruck und eine Schuldzuweisungsbereitschaft: „You drink water / I drink gasoline / One of us is happy / One of us is mean“ - eine Variation auf Howlin’ Wolfs scharfe Zeile „I asked for water / You gave me gasoline“. Noch schöner: „I think I found the culprit / It looks like you, it must be you.“ Klar, schuldig fühlt man sich selbst, Schuld hat aber immer der andere.

          Man sollte diese Schmerzlichkeit jedoch nicht zu ernst nehmen; sie widerspricht dem entspannten, oft sehr augenzwinkernden Charakter der Musik. Breites Schmunzeln stellt sich ein, wenn im Titelstück - cooler, satter Riffrock mit bewährten Led-Zeppelin-Anklängen - genau dann, wenn man ein Gitarrensolo erwartet, stattdessen zwei wild gewordene Geigen aufspielen, eine „two fiddle attack“, wie sie in diesem Moment der abgeklärteste Hörer nicht auf der Rechnung hat. Avancierte Popkritiker mögen sich nun nicht mehr über Gegniedel, sondern über Gefiedel beschweren.

          Vor einigen Jahren gab es die Gitarristendokumentation „It Might Get Loud“; ihre Helden waren nicht die notorischen Virtuosen, nicht Steve Vai oder Steve Morse, sondern Pioniere der Lautstärke: Urgestein Jimmy Page, der um 1970 das Gitarrenriff zur Wuchtbrumme steigerte, The Edge von U2, der mit gewaltigen Sound- und Hall-Apparaturen ein simples Arpeggio in schwellenden Stadionrock überführt, und eben Jack White, der sich mit dem Rohen und nicht mit dem Ausgekochten einen Namen gemacht hat, nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit des Instruments im Sinn. Beeindruckt konnte man zuschauen, wie er zwischen grasenden Kühen aus primitiven Zutaten eine rudimentäre einsaitige E-Gitarre zusammenhämmerte und damit gleich munter drauflosmuhte. Als Musiker, Bandleader, Produzent, Labelchef und Ladenbesitzer von Third Man Records hat sich White zu einem der wichtigsten Hüter der Tradition entwickelt: Blues fürs 21. Jahrhundert, dazu und inzwischen aber auch ein breites Spektrum von Americana.

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