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Album der Woche: Karen O. : Ein Date mit der Nacht

  • -Aktualisiert am

Karen O. von der Band Yeah Yeah Yeahs macht ihr erstes Soloalbum. Ihre Liebesgesänge könnten thematisch langweilen – aber die Sängerin lässt sich allerhand einfallen, um den Hörer zu erschrecken und zu trösten.

          2 Min.

          Karen O. ist ein Kobold. Seit einem Jahrzehnt, so scheint es, betritt die Frontfrau der New Yorker Independentrock-Band Yeah Yeah Yeahs keine Bühne ohne Indianderhäuptlings-Kopfschmuck, gigantische aufblasbare Schulterpolster, geblümte Zauberumhänge oder das, was sie selbst „dekonstruierte Abschlussballkleider“ nennt. Shakespeares bewegungssüchtiger Elfe Puck nicht unähnlich (die so verschmitzt ist, dass man sie „Kobold“ nennt), springt, rennt und kreischt Karen O., versenkt mit Vorliebe Mikrofon-Köpfe in ihrem Mund, spuckt Wasser und Bier in die Menge.

          Hilflose Sterbliche in Liebesverwirrungen verwickelnd und sie dann auch noch als Narren verspottend, hatte Shakespeares Kobold im „Sommernachtstraum“ noch gut Lachen. Doch was geschieht – und das untersucht Karen O. nun auf ihrem Solo-Debüt „Crush Songs“ –, wenn so ein Wesen sich selbst verliebt?

          Keine vom Mitleid zersetzte Nabelschau

          Ein Konzeptalbum über die Liebe ist „Crush Songs“ gewiss, jedoch bietet das titelgebende Verknalltsein weder Nährboden für allzu hoffnungsvolle Verherrlichung noch überbordende Melancholie. Hier gilt dem momentanen Wahnsinn die Aufmerksamkeit. Den Großteil der Aufnahmen entstand schon 2006 und 2007 in Karen O.s New Yorker Wohnung. Sie habe damals in einem regelrechten „Liebeskreuzzug“ gekämpft, sei – hier ist eine wörtliche Übersetzung des englischen Idioms angebracht – ständig von Neuem in die Liebe gefallen und wieder heraus.

          In beinahe jedem der fünfzehn Titel widmet sich die Sängerin also jenem unvermittelten Hereinbrechen eines Gefühls, das genauso schnell abzuebben droht, wie es gekommen ist, dessen man sich also am besten schnellstmöglich entledigt, bevor es einem allzu gefährlich werden kann. „Do I really need another habit like you?“, fragt Karen O. in „Rapt“ blasiert – und torpediert die Liebe an sich mit Beleidigungen, die sonst wütende, krude Liebhaber für das Beschimpfen ihrer Frauen gepachtet haben.

          Nur weil man eine Platte mit Liebesliedern im eigenen Schlafzimmer aufnimmt, ist das Resultat aber noch keine vom Selbstmitleid zersetze Nabelschau. Ja, die Liebe ist schon eine besonders fiese Krankheit („I really need my fix ’cause you got me so sick“, heißt es in „Day Go By“). Aber man solle sich zusammenreißen. Mut hierfür kann man sich gleich selbst zusprechen: „The latest fashion is to quit all your crying/You’ll be fine“ („Native Korean Rock“).

          Ein Kobold ist eben auch eine Elfe

          Die Umstände ihrer Komposition hört man dieser Musik erfreulicherweise an. In der Tat erinnert das Album mehr an das Demo-Tape einer noch unbekannten Künstlerin als an das sorgfältig vorbereitete Soloprojekt einer musikalischen Berühmtheit. Mal meint man die Stimme durch ein leise gestelltes Megaphon krächzen zu hören („Body“), mal klingt sie wie die leicht schiefen Klagelaute eines einsamen Luftgeists („Beast“), hypersensibel und roh. Ihre in Band-Auftritten unablässig ausgestellte, vulkanausbruchartige Körperlichkeit reduziert sie hier keinesfalls, sondern konzentriert sie: auf die Stimmbänder, den Kehlkopf. Ziemlich virtuos flötet und gurrt, pfeift, schnalzt und gluckst Karen O. für jemanden, der gerade von seinen Gefühlen überwältigt wird.

          Karen O. von den Yeah Yeah Yeahs
          Karen O. von den Yeah Yeah Yeahs : Bild: Barney Clay

          Und dass Gefühle am erfolgreichsten bei Mondschein überwältigt werden, das wusste ja schon Puck. Verabredete sich Karen O. in frühsten, wildesten Band-Zeiten noch zu ausschweifenden „Dates“ mit der Nacht, bei denen Sängerin und Zuhörern gleichermaßen die Luft wegzubleiben drohte („choke choke choke choke“ krakeelte sie 2003 in „Date with the Night“), so legt sich die nächtliche Dunkelheit nun, in „Comes the night“, wie eine Schutzdecke über die Sich-Verliebenden; währenddessen ist der Mond im (nicht auf der Platte enthaltenen) „Moon Song“, dem oscarnominiertem Titellied zu Spike Jonzes Film „Her“, nicht nur ein glühender Beobachter, sondern der „dunkle, funkelnde“ Zufluchtsort all jener, die gerade mit sich oder jemand anderem allein sein wollen.

          In himmlische Höhen versetzt Karen O. schließlich auch ihren Kindheitshelden Michael Jackson. Kusshände von seinem Glitzerhandschuh pustend und Mondspaziergänge machend, genießt der kindliche König des Pop in ihrer Phantasie ein unbeschwertes Nachleben. „King“ ist ihr zärtlichstes Liebeslied. Ein Kobold ist eben auch eine Elfe, wenn auch eine besonders selbstbewusste, Bier speiende, im bunten Ganzkörperanzug.

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