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Album der Woche : Harte Zeiten für eine ehrliche Haut

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Ihn zu mögen sei nie cool gewesen, hat John Mellencamp einmal über sich selbst gesagt. Eine Werkschau vermittelt jetzt einen Eindruck von Größe und Gewicht dieses Rockmusikers. Und ein neues Album gibt es auch: „Plain Spoken“. Wie gut ist es?

          3 Min.

          Die Großen der Rockmusik schwächeln gerade. Bruce Springsteen hat das Jahr eingeläutet mit alten B-Seiten, von Tom Petty hat man auch schon Mitreißenderes gehört, und nun John Mellencamp: Mit „Plain Spoken“ versucht er sich zu besinnen auf amerikanische Grundwerte und preist die Kerle mit ehrlicher Haut, die unverstellt reden. So etwas hatte bei ihm schon mehr Biss. Das Thema fügt sich zwar nahtlos ins Gesamtwerk - denkt man etwa so schöne frühere Songs wie „Hard Times for an Honest Man“ -, muss sich aber auch vor ebendiesem bewähren, denn jüngst ist auch die große Werkschau „1978-2012“ mit neunzehn Mellencamp-Alben erschienen und fordert zum Vergleich.

          Jan Wiele
          (wiel), Feuilleton

          Wenn man eine grob vereinfachende Trennung zwischen hardrockigen und fiedelfolkigen Mellencamp-Liedern macht, gehören die auf „Plain Spoken“ klar zu den letzteren, sind aber kaum je so beschwingt, wie man es von früher gewohnt ist. Verzerrte Gitarren erklingen auf dem neuen Album bis zu dem Bluesrock-Rausschmeißer „Lawless Times“ überhaupt nicht mehr. Stattdessen lässt die abgespeckte Produktion von T Bone Burnett am ehesten an den Stil von Balladen wie „Jackie Brown“ denken - nur haben es ebendie neuen Songs gegenüber diesem großen Vorbild schwer.

          Das hat es der vierundsechzigjährige, von zwei Herzinfarkten genesene, geschiedene Sänger offenbar auch selbst: Bei Liedern wie „Troubled Man“ oder „The Isolation of Mister“ möchte man wirklich hoffen, dass es sich um Rollenlyrik handelt, wenn Mellencamp mit inzwischen noch rauherer Stimme singt: „I’ve always found trouble / Even at my best“ oder sogar „Never looked forward to the future / Never enjoyed where I’ve been“. Das kann ein Mann mit solchen Meriten doch nicht ernst meinen! Ohnehin fühlt er sich wohl, was seinen Platz in der amerikanischen Rockmusik angeht, manchmal nicht angemessen gewürdigt: „It’s never been cool to like John Mellencamp“, hat er einmal selbst gesagt.

          Dass die aufgerauhte Stimme dem Alterswerk auch sehr gut tun kann, weiß man von Bob Dylan und kann es bei Mellencamp immerhin ahnen: Über der lebhafteren Fingerpicking-Gitarre von „The Company of Cowards“ entwickelt sie eine zynische Abgeklärtheit, die fast schon ulkig cowboyhaft wirkt - aber im Vergleich zu den mitleiderregenden Liedern der traurigen Rückschau hört man Mellencamp dann doch viel lieber in der Rolle des „Last man standing“, der sich umgeben sieht von einer Horde Feiglingen und diesen die Meinung geigt. Wenn man dagegen den agilen, auch vor erotischer Spannung schier bersten wollenden Rocksänger sucht, muss man zur Werkschau greifen. Es empfehlen sich schon einmal alle Titel, in denen es Nacht ist: von „A little Night Dancin’“ (1978) über das vor Hitze zischende „Hot Night in a Cold Town“ (1979) bis zu der unschlagbaren Coverversion von Van Morrisons „Wild Night“, die er 1994 mit der Sängerin und Bassistin Me’shell Ndegeocello aufnahm und die hier auch in einer phantastischen Live-Fassung zu finden ist. Und das sind noch längst nicht alle Nachtlieder.

          Die Werkschau ist äußerlich sehr ansprechend aufgemacht und erinnert ein bisschen an eine alte Jukebox, innen freilich findet man denn auch wirklich kaum mehr als die einzelnen Scheiben in dünnen Papphüllen - ohne Booklets und ohne jedes Geleitwort wirkt das dann doch etwas spärlich; zudem fehlen aus der Frühphase des sich noch „Johnny Cougar“ nennenden Künstlers die allerersten drei Alben „Chestnut Street Incident“ (1976), „A Biography“ (1978) und „The Kid Inside“ (aufgenommen 1977, veröffentlicht 1983). Insbesondere „A Biography“ mit dem Starkstromstück „I Need a Lover“ und der Ballade „Born Reckless“, die vom Aufwachsen handelt und damit ein wichtiges Modell für viele spätere Lieder dieses Sängers ist (natürlich: „Small Town“), vermisst man schmerzlich und wundert sich, warum dafür nun kein Platz mehr gewesen sein soll.

          Kein Zweifel

          Mit dabei ist dafür der Soundtrack zu dem Filmdrama „Falling From Grace“ (1992), in dem Mellencamp selbst die Hauptrolle als aus der Kleinstadt stammender Rockstar spielt. Auf diesem selbstproduzierten Werk finden sich mehr Stücke anderer Musiker als eigene, aber einige davon machen auch noch einmal darauf aufmerksam, wer für einen großen Teil des Mellencamp-Sounds mit verantwortlich ist: Das sind die Geigerin und Sängerin Lisa Germano und der Gitarrist und Produzent Mike Wanchic, ohne die viele der besten Mellencamp-Lieder undenkbar wären.

          Die ganze Entwicklung vom kämpfenden, den Schmerz liebenden jungen Rocker („Hurts so Good“, 1982) über die mit dem Album „The Lonesome Jubilee“ (1987) beginnende Folk- und Americana-Erweiterung bis zum immer karger arrangierten Singer/Songwritertum der jüngsten Alben, die man hier noch einmal überblickt, lässt keinen Zweifel an seiner Größe und Bedeutung, selbst wenn sie sich auf dem aktuellen Album eher weniger vermittelt.

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