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Album der Woche : Lieder der Elefanten

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Glückselige solcher Zeit“ Bild: Viviane Wild

Peter Thiessen ist einer der poetischsten Songtexter im deutschsprachigen Pop. Dass seine Band Kante auch mit Material aus fremden Federn etwas anzufangen weiß, von Dante oder Voltaire etwa, zeigt ihr neues Album.

          3 Min.

          Wenn ein Flussnamenmantra von Peter Handke sehnsüchtige Popmusik wird; wenn Voltaires aufklärerischer Geist uns im Gewand eines Sklavensongs begegnet, der die hohlen Worte und die verratenen Werte der Europäer geißelt; wenn bei Goethe, dem alten Mann des Sturm und Drangs, die Gitarren wütend glühen - dann bringen Kante ihre Lieder auf die Theaterbühnen. Seit 2007 arbeitet die Band mit der Regisseurin Friederike Heller zusammen. Statt Clubs mit Stehpublikum und Bierausschank bespielten Kante also Theatersäle in Wien, Berlin, Dresden und München. Statt seiner eigenen Worte nahm Sänger und Gitarrist Peter Thiessen, einer der poetischsten Songtexter im deutschsprachigen Pop, fremdes Material aus Dramen, Gedichten und Romanen für die Lieder, die jetzt auf dem Album „In der Zuckerfabrik“ erscheinen.

          Das „Lied von der Zuckerfabrik“ greift eine Szene aus Voltaires Roman „Candide“ auf. Ein Sklave schildert, wie es in einer südamerikanischen Zuckerfabrik zugeht. Der einzige Lohn sind zwei Leinwandhosen pro Jahr, Fluchtversuche werden mit dem Abhacken eines Beins bestraft: „Das ist der Preis, um den ihr drüben in Europa euren Zucker genießt.“ Die karge Gitarre des Anfangs kontrastiert mit dem bläsermilden Mittelteil über die Sonntagslitanei, dass „wir alle, schwarz und weiß, die Kinder Adams seien“.

          Gegen jede Vernunft

          Der Albumtitel „In der Zuckerfabrik“ macht sich augenzwinkernd die Kritik zu eigen, dass Schauspiel und Pop bloß bejahende Verlockungen süßlichen Glücks liefern. Zwar lockt der mitreißende Händeklatscher „Das Erdbeben von Lissabon“ wirklich mit so viel Zucker, dass er Zahnärzten noch auf lange Zeit die Existenz sichern sollte, und Thiessen klingt, als sänge er honiglächelnd. Doch der Honig verhöhnt jene unbeirrbaren Optimisten, die selbst Opfern des katastrophalen Erdbebens von 1755 noch etwas über ewige Weltverbesserung erzählten. Im Popzucker lauert der Spott Voltaires.

          Mit Wucht, Wahn und vier Zeilen aus Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ machen Kante „Morgensonne“ zum konzerterprobten Gitarrenkracher. „Ihm färbt der Morgensonne Licht / den reinen Horizont mit Flammen“, singt Thiessen und erinnert sich im ausführlichen Beiheft der CD begeistert, wie Heller in Dresden ein Podest mit der in Glitzerroben gekleideten Band aus dem Rauch auftauchen ließ. Das nervös klimpernde, dramatisch donnernde „Glückselige solcher Zeit“ bietet großes Theaterpathos zwischen Programmmusik und Progrock zu einem Chorpart aus Sophokles’ „Antigone“. Die Dante-Vertonung „Der Tag verging“ sowie „Wenn ich dich begehre gegen jede Vernunft“ nach einem Gedicht von Thomas Brasch überzeugen als schwermütige Klaviernummern.

          Die Fragen sind immer noch gültig

          Gemessen am bisherigen Werk dieser rock-, jazz- und elektronikversierten Hamburger sind die neuen Songs relativ kurz. Prägnanz in Perfektion hatten Kante durchaus schon im Programm - „Die Summe der einzelnen Teile“ ist ja in der gut dreieinhalbminütigen Version ein Fall fürs Weltpoperbe -, aber es gab auf früheren Alben wie „Zweilicht“ (2001) oder „Zombi“ (2004) eben auch Lieder, die acht, neun, zehn Minuten dauerten. Das hätte wohl die Theaterabende gesprengt.

          Trotz Thiessens Kommentaren im Beiheft geht den Liedern der Inszenierungszusammenhang unweigerlich verloren. Doch das macht die Platte damit wett, dass plötzlich zwischen zeitlich weit entfernten Texten neue Verbindungen aufscheinen. Die Fragen nach Ausbeutung, Macht und Solidarität, die das „Lied von der Zuckerfabrik“ fürs 18. Jahrhundert stellte, blieben auch im 20. Jahrhundert relevant, sagt hier das „Lied vom achten Elefanten“ aus Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“. Als elefantenhinternwackelnde Gewaltparabel folgt es mit Bläsertröten und Synthesizerdüdeln einem Grundprinzip großer Popdenker von Knarf Rellöm (Plattentitel „Move Your Ass And Your Mind Will Follow“) bis Karl Marx („Das Tanzbein bestimmt das Bewusstsein“). Und die Fragen von Voltaire und Brecht sind im 21. Jahrhundert immer noch gültig.

          Die drei Lieder aus „Der gute Mensch von Sezuan“ sind keine Eigenkompositionen, sondern Bearbeitungen der Musik, die Paul Dessau für Brecht schrieb. „The Black Rider“ stammt aus Tom Waits’ Arbeit mit dem Schriftsteller William Burroughs und dem Theatermacher Robert Wilson. Die Auswahl solcher Songs für „In der Zuckerfabrik“ macht eine Traditionslinie der Theatermusik deutlich, die Kante mit diesem gelungenen Album fortführen.

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