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Album der Woche : Ihre Welle ist noch nicht ausgerollt

  • -Aktualisiert am

Manchmal ist Kleidung einfach störend: Die Red Hot Chili Peppers Bild: Warner Music

Dunkler Funk im romantischen Kunstlied: Die Red Hot Chili Peppers glänzen wieder auf ihrem neuen Album „The Getwaway“, da stören auch ein paar Disco-Spielereien nicht.

          3 Min.

          Einen Jekyll-und-Hyde-Charakter hat Anthony Kiedis sich in seiner Autobiographie „Scar Tissue“ selbst bescheinigt. Das ist für einen Künstler und erst recht für einen extrovertierten Rockstar nicht überraschend, könnte aber auch ein Schlüssel zur Musik seiner Band, der Red Hot Chili Peppers, sein - zumindest zu jener Musik, die diese Band seit dem rockgeschichtlich kaum hoch genug zu bewertenden Album „Blood Sugar Sex Magik“ macht, das 1991 erschien.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          In den Jahren von der Bandgründung 1983 bis zu dieser Platte war die Ästhetik der Chili Peppers nur ein wildes Hyde-Monster aus Rap, Funk und Rock, aus Geschrei teilentblößter Clowns, bürgerschreckhaftem Verhalten und Drogen-Exzentrik. Der erste Gitarrist, Hillel Slovak, überlebte diese Phase leider nicht, er starb 1988 an einer Überdosis Heroin.

          Mit dem Welterfolg der Single „Under the Bridge“ merkte die Welt plötzlich, dass Anthony Kiedis auch singen kann - und damit hatte die Musik der Band plötzlich eine glockenhelle Kehrseite, klar und verletzlich, kindlich schön. Wie aus dem Nichts kamen auf einmal auch Melodien wie aus dem romantischen Kunstlied - nur eben nie gekünstelt gesungen.

          Musikvideo : „Dark Necessities“ von Red Hot Chili Peppers

          Es gibt wohl bis heute kaum eine andere Stimme in der populären Musik, die ein derartiges Spektrum zwischen Trauer und Euphorie, zwischen dem jahrhundertealten Klang eines frischgebrochenen Herzens („I Could Have Lied“) und ungezügeltem Sexualtrieb („Sir Psycho Sexy“) abdeckt.

          Das Wilde war auf „Blood Sugar Sex Magik“ immer noch da, es war allerdings eingehegt in klarere Songstrukturen und ein Klangbild, das wohl auch durch das Händchen des neuen Produzenten Rick Rubin zu einem derartigen Meisterwerk wurde. Auf der Platte ist kein einziges schlechtes oder langweiliges Lied, sie setzte mit ihrer Zusammenführung von hartem, an früherer Zusammenarbeit mit George Clinton geschultem Funk und ebenjenen elegischen Melodien sowie auch mit dem obszön-gewitzten Sprechgesang Maßstäbe, an denen sich jeder der jetzt vielfach über den grünen Klee gelobten Hip-Hop-Künstler messen lassen muss.

          Insofern ist dieses heute 25 Jahre alte Album schwer zu übertreffen. Man kann aber behaupten, dass die Chili Peppers ihren damit gefundenen Stil seitdem auf fast gleichbleibend hohem Niveau verwaltet haben, kongenial auf „Californication“ und dem Doppelabum „Stadium Arcadium“, und immer noch glänzend auch auf allen anderen Werken, selbst dem von einigen als Ausrutscher gesehenen „One Hot Minute“. Dabei würden sich wohl viele andere Bands darum reißen, je in ihrem Leben auch ein so zu Herzen gehendes Lied wie das darauf befindliche „Tearjerker“ zu schreiben.

          Oder eine solche Ballade wie „The Longest Wave“, die sich auf dem neuen Album „The Getaway“ (Warner) befindet: Sie greift nochmals die kalifornische Melancholie wieder auf, in die sich nunmehr - auch die ewig scharfen Chili Peppers sind in ihren Fünfzigern - ein Ton der Alterselegie mischt, der zuletzt so viele andere Rockmusiker ergriffen hat.

          Doch die Welle ist noch nicht ausgerollt, vielleicht surfen sie darauf sogar besser denn je. Für eine immerhin musikalische Verjüngungskur hat sich die Band nach der langjährigen Zusammenarbeit mit Rick Rubin einen neuen Produzenten gesucht. Es ist Brian Burton, besser bekannt als DJ Danger Mouse, der schon so manchem Popalbum den bedeutenden Schliff gegeben hat (darunter etwa „Demon Days“ von den Gorillaz). Den Chili Peppers schenkt er nun gewisse Gimmicks der achtziger Jahre: Handclaps, Explosionsgeräusche und eine unterlegte Beatschleife machen „Dark Necessities“ fast zu einem Dancefloor-Stück; ab und zu gibt es nun auch Synthesizer und Halleffekte, und bei „Go Robot“ scheint der Disco-Funk von Daft Punk Pate gestanden zu haben. Wie als Ausgleich für diese erlittene Sample-Schmach darf Schlagzeuger Chad Smith zu Beginn des Stücks „We Turn Red“ dafür doppelt stark auf seine Felle dreschen (dies wiederum klingt fast wie ein Zitat von Led Zeppelins „D’Yer Mak’er“, hoffentlich steht den Peppers da nicht demnächst ein Plagiatsprozess ins Haus, wie die Zeppeline ihn derzeit um ihren Hit „Stairway to Heaven“ führen).

          Ihr Signatursound klingt durch

          Aber ohnehin können auch Burtons neue Ideen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Grundsound der Chili Peppers noch immer der vor 25 Jahren gefundene ist. Dass es sich dabei geradezu um eine Signatur handelt, merkt man vor allem daran, dass die Riffs des langjährigen Gitarristen John Frusciante - clean und unschuldig gespielt in den höheren Lagen, das Pendant zu Kiedis’ Glockengesang - inzwischen vom Nachfolger Josh Klinghoffer übernommen werden, aber eben so, dass man den Wechsel gar nicht bemerkt. Es sind also typische, sofort erkennbare Chili-Peppers-Riffs geworden, genauso prägend wie etwa die Rhythmusgitarre bei AC/DC - und auf solch ein Merkmal würde wohl kein Produzent verzichten.

          Die Jekyll-und-Hyde-Struktur spiegelt sich wie eh und je dann auch im Bass von Flea, der mal als Soloinstrument wabernde Melodien hintupft, dann wieder eng verzahnt mit dem Schalgzeug in voller Funkhärte grausam zuschlägt. „Dark necessities are part of my design“, singt Anthony Kiedis dazu.

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