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Album der Woche : Hochfahrende Tiefstapelei

Sucht die Schnittmenge: Bernd Begemann Bild: Picture-Alliance

Wie Jonathan Franzen will Bernd Begemann auf seiner neuen Platte die ganze Welt in Zusammenhang bringen. Wiederholungen werden dabei in Kauf genommen. Ist das ein Gewinn?

          In einem Radiointerview hat Bernd Begemann soeben den Werkcharakter seiner neuen Platte proklamiert. Achtundzwanzig Titel umfasst „Eine kurze Liste mit Forderungen“, und wie ein Katalog dieses Umfangs nur im Fall eines Ausschnitts aus dem Verzeichnis der Päpste als kurz durchgehen könnte, so erfüllt auch die Etikettierung als Liste den Tatbestand der hochfahrenden Tiefstapelei. Gerade keine bloße Serie, Reihe, Folge von Liedern, wie sie jedermann nach Laune auf virtuellen Tonkassetten abspeichern kann, will Begemann vorgelegt haben, sondern ein Ganzes. „Ich hoffe, dass die Hörer bemerken werden, dass die Lieder sich nicht wiederholen, weder stilistisch noch inhaltlich, und dass sie zusammengenommen etwas Interessantes ergeben.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wenn man sich dann durch das Album hört, hat man allerdings schon nach der achtzehnten Nummer Grund, Begemann mit dem Anathema in die Parade von Oktoberrevolutionsfeierformat zu fahren, das er einst Jochen Distelmeyer in den Autokinobesuchermund legte: „Bernd, du betreibst Betrug!“ Von wegen, die Lieder wiederholen sich nicht. „Mehr als Erfolg (brauche ich das Gefühl, Euch weiterhin alle Scheiße finden zu dürfen)“ beginnt mit dem Vers „Du kennst Patrick, und Patrick kennt dich“. Tatsächlich kennen wir Patrick oder jedenfalls diesen Namen, aus dem Lied Nr. 4 „Das klappt grad nicht mit dem Fahrrad“. Einen Namen, der nicht ungängig klingt, aber auf der Liste der im vorigen Jahr in Deutschland am häufigsten vergebenen Jungennamen nur auf Platz 229 rangiert, hinter Laurin, Nathan, Kian und Kaan.

          Immer wieder Patrick

          Patrick, so nennt Begemann zunächst einen stolzen Fahrradbesitzer, der der armen Tochter des Sängers jenes Rad, mit dem es gerade nicht klappt, nicht im wörtlichen Sinne vorenthält, weil Fahrräder ja nicht in limitierter Auflage auf den Markt kommen, und doch als ungekauft gebliebenes ständig vor Augen führt, indem er mit seinem Rad die gemeinsame Straße herauf- und herunterfährt, wahrscheinlich freihändig und bestimmt regelmäßig klingelnd. Der Tochter verspricht der Vater, dass er die aufgeschobene Bescherung spätestens im September nachholen wird: „Dann fährst du durch unsere Straße / auf dem tollsten Fahrrad der Welt, / und selbst der blöde Patrick / von nebenan ist nicht halb so schnell.“

          Die Fahrräder, von denen hier die Rede ist, dürften nicht mehr mit Stützrädern ausgerüstet sein, denn im weiteren Verlauf des Lieds ist zu erfahren, dass auch das Geld für einen Schulausflug fehlt. Der unfair schnelle Nachbarsjunge ist demnach wohl erst zur Welt gekommen, als im Rennen der Vornamen um den großen Taufpreis von Deutschland der Schutzpatron der Iren seinen Spitzenplatz aus den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts längst verloren hatte. Warum brettert dann ein Patrick über den Bürgersteig? Und kein blöder Laurin? Dichterische Freiheit.

          Dichterische Unfreiheit muss es sein, dass der Name im schmutzigen Abgesang auf den Erfolg und das Kumpeltum wiederkehrt. Selbstbindung, Selbstbeschränkung, werkimmanentes Wirtschaften aus dem Bestand. Patrick? Wer soll denn das jetzt schon wieder sein? Er macht irgendwas mit Medien, ist freigiebig mit Zuspruch und im Gegenzug auf Lob erpicht. „Patrick findet toll, was du machst. / Wie findest denn du, was Patrick so macht?“ Patrick wird vorgeschoben vom Sänger, der grundgütige Kritiker ist das andere Ich des Künstlers, der so tun kann, als holte nicht er sich die Abfuhr von der Freundin, der er Patricks moralische Unterstützung aufdrängt. „Dann hilft dir der Patrick eben nicht, / und wir machen auch keinen Fernsehbericht.“ Könnte diese Rolle des selbstlosen Helfershelfers nicht auch ein Andreas, Edo oder Jan spielen?

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