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Album der Woche: Pixies : Knuffige Krachkunst

  • -Aktualisiert am

Mit den Wölfen heulen ist ihre Sache nach wie vor nicht: Die neu aufgestellten Pixies Bild: Travis Shinn

Selbst Kurt Cobain wusste, was er ihnen schuldete: Ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten regulären Album legen die Pixies ein neues vor. Können die alten Erneuerer harter Rockmusik noch einmal lebensverändernd wirken?

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          Ende der achtziger Jahre war Black Francis der Wunderknabe der Rockmusik. Während viele Bands damals in den Rockklischees vor sich hin stagnierten, war der 1965 geborene Kopf der Pixies der Neutöner, der die originellen Zwei-bis-drei-Minuten-Songs nur so aus dem Handgelenk schüttelte. Ein ums andere Mal gelangen ihm zwingende Verbindungen aus stachligem Rock und süffigem Pop. Die Pixies sahen auch ganz anders aus, als Rockbands damals meinten aussehen zu müssen: keine geföhnten Haare, sofern überhaupt noch welche vorhanden waren, Black Francis ein rundlicher Anti-Poster-Boy, dazu mit Kim Deal eine überlegen lächelnde Frau am Bass, die das Erscheinungsbild harter Musik auch durch ihre zuckrigen Background-Gesangslinien feminisierte.

          Noch wichtiger aber war der schüchtern wirkende Leadgitarrist, der philippinischstämmige Joey Santiago, ein Meister der mal jubelnden, mal schrägen Licks und Melodien. Von den rasenmäherhaften Fuzz-Sounds, mit denen sich viele Gitarristen der damaligen Alternativrock-Szene begnügten, wollte er nichts wissen; zu seinen Vorbildern gehörten auch Größen der Jazz- und Countrygitarre wie Wes Montgomery und Chet Atkins. Santiagos Lust, widersprüchliche Einflüsse zusammenzuschmelzen, trugen jedenfalls entscheidend bei zum Witz und Esprit des Pixies-Sounds. Das Vergnügen beim Hören der Alben „Doolittle“ und „Bossanova“ - Meisterwerken der Rock-Geschichte - verdankt sich nicht zuletzt den augenzwinkernden Surf-Gitarren-Linien, die er den Kompositionen von Black Francis hinzufügte.

          Musikvideo : Pixies – „Tenement Song“

          Ein Song von den Pixies schlägt unerwartete Haken, um dann doch in einen hymnischen Chorus zu münden: Das wurde mit der Zeit schwieriger, weil auch die Pixies ihre Formeln und Manierismen ausbildeten, die von zahlreichen anderen Independent- und Grungebands aufgegriffen und bisweilen zu Tode geritten wurden, allen voran die Laut-und-leise-stop-and-go-Dynamik, die Nirvana zum Musterbogen ihrer weltbewegenden Wut-und-Trauer-Musik machten. Immerhin, Kurt Cobain ließ keinen Zweifel daran, was er den Pixies schuldete. Und Thom Yorke von Radiohead bekannte: „Pixies changed my life.“ Die Kritiker aber begannen bereits am vierten Album der Band, „Trompe le monde“, das einige ihrer besten Songs wie „Letter to Memphis“ enthält, herumzumäkeln - zu sehr klangen ihnen die Pixies inzwischen nach den Pixies.

          Musikvideo : Pixies – „Um Chagga Lagga“

          Auch das mag, neben den internen Reibereien, zur frühen Auflösung der Band 1993 beigetragen haben. Mit seinem Soloalbum „Teenager of the Year“ legte Black Francis, der eigentlich Charles Thompson heißt und sich nun Frank Black nannte, kurz darauf noch eine der besten Platten der neunziger Jahre vor, eine prall gefüllte musikalische Wundertüte; danach entdeckte er erst einmal das, wogegen die Pixies erfolgreich den Aufstand geprobt hatten: die musikalischen Konventionen. Mit seiner neuen Band, den Catholics, rumpelte er nun eher auf den Spuren der Rolling Stones und der amerikanischen Singer-Songwriter. Das war alles nie ganz schlecht, aber auch nie so richtig überzeugend: Breitbeiniger Rock mit geläufigen Akkordfolgen war eben nicht das, was man von ihm erwartete.

          Die Besinnung auf die starke Marke Pixies und die Wiedervereinigung der Band im Jahr 2004 hatte deshalb ihre ökonomische und musikalische Logik. „Head Carrier“ ist nun das erste vollgültige neue Album seit genau einem Vierteljahrhundert. Natürlich wird es jetzt vielfach so misstrauisch betrachtet, wie es bei den Spätwerken wiedervereinigter Bands üblich ist. Aber die Pixies klingen hier wieder wie die Pixies, und dagegen ist wenig einzuwenden. Lieder wie „Oona“, „Bel Esprit“ oder „Tenement Song“ sind knapp und süffig wie eh und je, sie kommen auf den Punkt, was man über viele der beliebig hinkomponierten Frank-Black-Songs der späteren Jahre nicht sagen konnte.

          Der Titelsong „Head Carrier“ beginnt mit einem sirenenhaften langen Ton, über den sich ein stotternder Powerakkord wälzt - und so geht es eine gute halbe Stunde weiter zwischen Dissonanz und Wohlklang. Sirrende, schwellende, sägende, schwebende Gitarrenlicks verzwirbeln sich wunderbar in dieser knuffigen Krachkunst. In der Bassistin und Sängerin Paz Lenchantin wurde endlich eine überzeugende Nachfolgerin für Kim Deal gefunden. Das von ihr allein gesungene „All I Think About Now“ zitiert das Riff und den Uu-hu-Background-Gesang von „Where is My Mind“, gewinnt aber im Refrain eine durchaus eigenständige Note. Passenderweise handelt der Song davon, dass jemand, der sich auf die Zukunft besinnen will, von der Vergangenheit nicht loskommt. Zudem ist es eine Verbeugung vor Kim Deal: „Remember when we were happy? If I’m late can I thank you now?“

          Am schwächsten sind die Versuche, den jugendlichen Punk-Gestus wiederzubeleben („Um Chagga Lagga“); da wirken das Kreischen und das Knüppeln dann doch etwas forciert für drei Graubärte und Kahlköpfe jenseits der Fünfzig. „Head Carrier“ hat nicht den Rang von „Doolittle“ oder „Bossanova“, aber es ist ein Album, das sich gut hören lässt - von einer Band, die so viel Innovation in die Rockmusik gebracht hat, dass man ihr die Reprisen in eigener Sache nun gerne gönnt.

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