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Album der Woche : So viel zum Thema Hoffnung

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Jecke Frohnaturen sehen anders aus - dafür lassen Crippled Black Phoenix es aber krachen. Bild: Marton Bodnar

„Great Escape“, das neue Album der britischen Band Crippled Black Phoenix, setzt auf dröhnende Endzeitballaden. Es geht um Depressionen und Momente, in denen man die Nase voll hat. Aber auch um Fluchtmöglichkeiten.

          Das Ende war schon immer nah. Die Frage ist nur, wie man trotzdem weitermacht. Vor über zehn Jahren zum Beispiel, 2007, als eine Band aus Bristol ihr erstes Album veröffentlichte. Es hieß „A Love Of Shared Disasters“ und erzählte von zeitlosem Elend und Verlusterfahrungen. „Endzeitballaden“ nannte Justin Greaves seine Songs und Soundscapes, die so klangen, als käme die Band nicht aus den Puschen, als fehlte ihr die nötige Kraft, angesichts der haarsträubenden Sinnlosigkeit des Daseins mächtig auf die Pauke zu hauen. Greaves hatte zuvor als Schlagzeuger in Bands mitgewirkt, die dem Doom Metal und dem Hardcore Punk zugeordnet werden können.

          Doch das Debüt von Crippled Black Phoenix klang ganz anders als das, weicher und zärtlicher, aber auch dunkel, trostlos und ungeheuer spannend. Eine phantastische Platte. Ermutigt worden war Greaves dazu von seinem Kumpel Dominic Aitchison, dem Bassisten der Glasgower Post-Rocker Mogwai, die auch nicht gerade als jecke Frohnaturen bekannt sind. Für Crippled Black Phoenix spielte er ebenfalls zeitweilig die Bassgitarre; man sollte sich allerdings davor hüten, die Band als Nebenprojekt der berühmteren Schotten zu betrachten.

          Seine Schwester hat ihn zum Punk gemacht

          Denn Greaves allein ist es, der der inzwischen achtköpfigen Truppe, die zahlreiche Besetzungswechsel und einen Rechtsstreit mit ehemaligen Bandmitgliedern hinter sich hat, die Richtung vorgibt. Seine Schwester hatte ihn im Teenageralter zum Punk gebracht, während er dank der Plattenkiste seines Vaters den Rock der späten sechziger und siebziger Jahre entdeckte: Pink Floyd, Deep Purple und Journey. Diesen widersprüchlichen Ursprüngen hat er mit Coverversionen immer wieder gedacht, zuletzt etwa mit der EP „Horrific Honorifics“ (2017), auf der sich dann eben ein Song der Sensational Alex Harvey Band neben einem Stück der nie genug gepriesenen, kanadischen Krachmacher No Means No findet.

          Bei Crippled Black Phoenix wiederum münden solche Einflüsse in eine makabre Mischung aus Progressive, Psychedelic und Post-Rock. So auch auf „Great Escape“, ihrem ersten Studioalbum nach Greaves‘ Bekanntmachung, er leide an Depressionen. Es handele von jenen Momenten, so Greaves, in denen man die Nase voll habe und der Welt den Rücken kehren wolle. Von der Flucht vor der eigenen Hirnhölle ebenso wie vor den Zwängen der freien Gesellschaft. Immerhin: Dass es überhaupt eine Fluchtmöglichkeit gibt, ist ein gutes Zeichen. Es besteht also Anlass zur Hoffnung; nicht umsonst ist ja der Phoenix Bestandteil des Bandnamens.

          Am schönsten illustriert diesen Wunschtraum das sphärische „Great Escape pt. 1“, begleitet von himmlischen Chören und einem animierten, hinsichtlich der Symbolik leicht überfrachteten Video. Ein knapp achtminütiger Trip, Jenseits-Rock in Zeitlupe, der einen Ort heraufbeschwört, an dem das Dunkel einen nicht findet. Kämpferischer dagegen, mit singender Säge und Sängerin Belinda Kordic am Mikrophon, „Rain Black, Reign Heavy“, das einen langen Anlauf nimmt, um trotz des Wissens um das unausweichliche Ende dann doch noch donnernd für das Leben einzutreten. Scheiß auf die Finsternis: „I choose to live, I choose to fight.“ Das boshafte Gegenstück dazu bildet „Las Diabolicas“, in dem der schwarze Hund der Depression seine Zähne bleckt. Er lässt sich nicht so einfach an die Leine legen und lauert auf seine Chance: „We are the darkness in your mind / And you will never find a place to hide / The walls are closing in on you tonight“. Kein Ausweg, nirgends. So viel zum Thema Hoffnung. Eine der frühen Platten von Crippled Black Phoenix trug bezeichnenderweise den Titel „200 Tons Of Bad Luck“.

          Alles beim Alten also? Aber nein. Die Hoffnung besteht auch in Molltonarten auf ihrem Recht. Sie ist noch da, nahezu überall, bildet etwa den Kern des mächtigen „To You I Give“, das in Überlänge gegen die Angst aufbegehrt, die damit einhergeht, ein emotionales Risiko einzugehen, sich einer Sache oder einem anderen Menschen hinzugeben, kurzum: zu lieben. Das erfordert eine Menge Kraft, was sich auch in der Musik bemerkbar macht.

          Crippled Black Phoenix lassen auf „Great Escape“ des Öfteren die Muskeln spielen. Das übliche Rock-Instrumentarium wird zwar ergänzt um Samples, Synthesizer, Konzertflügel, Hammondorgel und Trompete, die Song-Struktur und die Laut-Leise-Dynamik wirken indes konventioneller als noch in den Anfangstagen der Band. Das bevorzugte Mittel der Flucht ist das Gitarrenriff. Das Glück ist in der Melancholie zu suchen, in schwelgerischen Melodiebögen, tiefen Haltetönen und reinigenden Lärmgewittern: Das mag nicht mehr ganz taufrisch sein, wenn man an das Schaffen von Bands wie Godspeed You! Black Emperor, Mogwai oder A Silver Mt. Zion denkt, die Wirksamkeit nutzt sich dennoch nicht ab. Bei allem Eskapismus ist es gut zu wissen, dass die Welt morgen immer noch da sein wird.

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