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Album der Woche: Fiona Apple : Ameisen sind schwerer als Elefanten

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Left Alone“ Bild: Laif

In sieben Jahren kann sich so ein Albumtitel gewaltig auswachsen: Die Sängerin und Klavierspielerin Fiona Apple schickt blutige Valentinsgrüße.

          Ohne Ich geht es nicht. Jedenfalls nicht bei Fiona Apple, deren Songs allesamt Ich-Songs sind. Keiner davon kommt ohne das Wort aus, und viele fangen auch gleich damit an. Nun soll man nicht Song-Ich und Sängerin verwechseln, aber Apples Material ist das eigene Leben. Aus Leid und Liebe macht sie ihre Lieder. Im Verarbeiten von Schmerz erinnert das an Mark Oliver Everett, der mit den Eels im selben Jahr, 1996, debütierte, in dem auch Apples erstes Album erschien. Doch während Everett längst bei Best-of-Auswahl, B-Seiten-Sammlung und zuletzt einer in Halbjahresfrist rausgehauenen Plattentrilogie angelangt ist, gab es von Apple nach dem Millionenerfolg „Tidal“ gerade mal zwei weitere Alben in wachsenden Abständen: erst drei Jahre, dann sechs, jetzt sind es sieben geworden. Umso höher sind bei ihrem Rang - und ihrer Eigenheit - die Erwartungen an ein neues Werk.

          Legendär eigen war, wie die amerikanische Pianistin ihre zweite Platte nannte. Zwischen „Tidal“ und „Extraordinary Machine“ trägt diese einen Titel, der zwar gewöhnlich zu „When The Pawn“ verkürzt wird; aber eigentlich folgen noch siebenundachtzig Worte. Dass jetzt das vierte Album „The Idler Wheel Is Wiser Than The Driver Of The Screw And Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do“ heißt, lässt sich also schon mal als erfüllte Erwartung verbuchen.

          Fest zur Fiona-Apple-Legende gehört außerdem das langwierige Werden von „Extraordinary Machine“, an dem sie mit dem Produzenten Jon Brion arbeitete, bis sie oder die Plattenfirma die Resultate nicht mehr mochte. Mit dem Hip-Hop-Mann Mike Elizondo ging es erst weiter, als mit Brion entstandene Stücke im Internet aufgetaucht waren und empörte Anhänger die „Free Fiona“-Kampagne gegründet hatten, um mit körbeweise ans Label geschickten Schaumstoffäpfeln und Mahnwachen vor der Konzernzentrale gegen die Zurückhaltung des Albums zu protestieren. Die fertige Fassung klang dann nach tollen Tanznummern für ein von Quentin Tarantino auf Krawall gebürstetes klassisches Hollywood-Musical.

          Weniger Erfolg, noch bessere Platten

          Krawall kann Apple immer noch gut. Auf „The Idler Wheel“ singt sie in dem Lied „Valentine“: „You didn’t see my valentine, I sent it via pantomime“. Wer so einen Körpergruß für romantischer hält als, sagen wir, eine hastig getippte Kurznachricht, sei davor gewarnt, welche Gesten hier gezeigt werden: „While you were watching someone else, I stared at you and cut myself“. Es ist natürlich ein Liebeslied - ein hartzartes, das kaum mehr braucht als Apples traurige, große Stimme und ihr Können am Klavier. „I root for you, I love you“, bekennt der Refrain. „Tidal“ bot bei der Trotzballade „Never Is A Promise“ eine von Van Dyke Parks arrangierte Streicherbegleitung, und auch „When The Pawn“ wie „Extraordinary Machine“ kannten orchestrale Größe. „The Idler Wheel“ nahm Apple dagegen fast allein mit ihrem Mitproduzenten Charley Drayton auf. Zur Reduziertheit von „Valentine“ ergänzen andere Stücke ungewöhnliche Effekte: rhythmische Maschinengeräusche einer Flaschenfabrik (“Jonathan“), Kieselschrubben (“Periphery“). Wenn Apple beim faszinierend verrückten, zwischen Geliebtwerdenwollen und Einsamkeitswunsch wortreich vorwärtswirbelnden „Left Alone“ forsch in die Tasten greift, feiert Draytons hibbeliges Trommeln scheinbar ein eigenes Fest, aber gerade das passt eben doch zum spannungsgeladenen Stück samt angemessen dimensionsverdrehtem Merksatz: „The ants weigh more than the elephants“. Weniger Kraft entwickelt die verdammt stadtversnobte Häuslebauerverhauerei von „Periphery“, und beim stimmenverschlungenen Schluss „Hot Knife“ kreiseln Apple und ihre Schwester einen bloß in den Kopfschmerz.

          Fiona Apple war achtzehn Jahre alt, als sie „Tidal“ veröffentlichte und in „Sullen Girl“ über ihre Vergewaltigung mit zwölf Jahren sang. Den Erfolg dieses Albums hat sie nicht wiederholt, dabei wurden die Platten noch besser. Sie schrieb weiter über ihr Leben, aber es hat nichts Klatschhaftes, dass etwa „Jonathan“ auf die Beziehung mit dem Autor Jonathan Ames zurückgeht. Statt in voyeuristischer Neugier liegt der Reiz von „The Idler Wheel“ in den musikalischen Ideen und der sprachlichen Form, die die heute Vierunddreißigjährige für widersprüchliche Gefühle findet. „I could liken you to a werewolf, the way you left me for dead“, beginnt sie „Werewolf“ liebhaberverfluchend, um der Sache sogleich einen anderen Dreh zu geben: „But I admit that I provided a full moon“. Das Wissen um den misslingenden Vergleich lässt das Lied gelingen.

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