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Album der Woche: Beth Ditto : „Das ist das Erwachsenenleben, Baby“

Alles funkelt: Beth Ditto bei der Echo-Verleihung im April Bild: dpa

Nach dem Hit „Heavy Cross“ mit ihrer Band Gossip galt Beth Ditto als Krawallnudel: diese kämpferische Frau, die so laut schreit beim Singen. Aber ihre erste Solo-Platte ist ganz anders.

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          Wie schnell wir alt werden, merken wir nicht an den Falten – sondern an Erkenntnissen wie dieser: Dass „Heavy Cross“ dauernd im Radio gespielt wurde, ist jetzt auch schon acht Jahre her. Bis dahin waren Bands mit dicken, lesbischen Frontfrauen der Albtraum jedes Musikmanagers, denn die Branche war darauf eingerichtet, normschlanke Sängerinnen über viel Haut zu vermarkten. Adele, neben Beth Ditto eine weitere Ausnahme von dieser Regel, war erst ein Jahr zuvor auf der Bildfläche aufgetaucht und zumindest hierzulande noch nicht besonders populär. Und nun Beth Ditto: eine laute Frau aus Arkansas, die so viel Lidstrich wie Temperament für ihre Performances einsetzte.

          Der Lidstrich ist geblieben, aber auf ihrer ersten Solo-Platte „Fake Sugar“ klingt die Sechsunddreißigjährige sehr viel lieblicher als zuvor. Die Lieder heißen „Fire“ oder „Oh My God“ und zu wenige Gitarren kommen auch nicht vor – nur klingt Beth Ditto jetzt eher wie eine moderne Etta James, ruhiger, verspielter als zuvor. In „We Could Run“ singt sie eine ganze Weile alleine mit weichgezeichneten Bass-Klängen, ehe die Band verhalten einsetzt. „Hold me close and hold me fast“, so viel Kitsch muss erlaubt sein.

          Beth Ditto selbst erklärt die vielen Lieder über Liebe auf „Fake Sugar“ mit ihrer eigenen Ehe: „Das ist das Erwachsenenleben, Baby. Du hast für die Gleichstellung der Ehe gekämpft, jetzt musst du mit ihr leben.“ 2013 heiratete sie auf Hawaii ihre langjährige Freundin und ehemalige Assistentin Kristin Ogata. Die Bilder dieser Heirat zeigen das romantische Mädchen, das in Ditto steckt: Ogata trug einen weißen Anzug, Ditto kam barfuß im knielangen weißen Sahnebaiser mit Schleier. Da steckt schon ziemlich viel vom Geist ihres neuen Albums drin.

          „Fake Sugar“ ist kein klassisch romantisches Pop-Album. Es hat den Blues, es schrammelt auch mal, es sitzt mit dem Titeltrack am Lagerfeuer und strebt mit „Oh La La“ auf die Tanzfläche. Beth Ditto bedient sich fröhlich an allem, was die Popmusik seit den Fünfzigern hervorgebracht hat. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches, eingängiges Album, dem etwas mehr klare Kante doch gut getan hätte. Sogar die Texte, in denen sie einst ihre harte Kindheit aufgearbeitet hatte, treten jetzt in den Hintergrund und widmen sich kaum noch schwierigen Themen. Einerseits ist das schade. Andererseits: Wenn glückliche Menschen ein bisschen zu zahm werden, dann darf man annehmen, dass Beth Ditto ihr Glück gefunden hat.

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