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Album der Woche: Faith No More : Wie Stacheldraht im Ohr

  • -Aktualisiert am

Mit „Sol Invictus“ legen die Crossover-Spezialisten von Faith No More nach achtzehn Jahren ein stimmiges, teils explosives neues Album vor. Sänger Mike Patton ist wieder in wandlungslustiger Topform.

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          Roddy Bottum, der Keyboarder von Faith No More, hat erzählt, wie ihn nach der Auflösung der Band im Jahr 1998 hartnäckig ein Albtraum heimsuchte, den man als Variation des weitverbreiteten Ich-muss-die-Abiturprüfung-noch-mal-machen-und-schaffe-es-nicht-Traums verstehen kann: Da stand er mit den zerstrittenen Musikern wieder gemeinsam auf der Bühne und konnte die Songs nicht mehr spielen. Blamiert vor Riesenpublikum!

          Die Wiedervereinigung von Faith No More vor sechs Jahren war, so gesehen, ein Akt des Exorzismus: zusammen wieder auftreten, und alles klappt. Hinfort mit dem Versagensteufel! Gewiss, man kann auch schnödere Motive für die Wiederbelebung der stilbildenden, stilekreuzenden Band anführen. Sie mag mit privaten Finanzkrisen zu tun gehabt haben. Oder mit den Umbrüchen in der Musikindustrie. Wenn Musiker mit Alben nicht mehr viel verdienen, müssen sie eben auf Tournee gehen, und diese Mühen rentieren sich eher, wenn sie einen zugkräftigen Headliner-Namen mitbringen.

          Ausweg der Rockmusik aus ihrer selbstverschuldeten Ernsthaftigkeit

          Außer Mike Patton sind inzwischen alle Mitglieder der legendären Band in ihren Fünfzigern. In merkwürdigen Anzügen steigen sie auf blumengeschmückte Bühnen. Und markieren damit schon eine Ironie, ohne die ihr hyperaktives Gerocke vielleicht etwas forciert aussähe. In Würde ergrauen wohl nur Bluesmusiker. Blues aber haben Faith No More nie gespielt. Während Heavy Metal in den Neunzigern längst bedroht war von der ewigen Wiederkehr des Gleichen, wechselten sie zwischen panzerbrechenden Riffs und einem Dutzend diverser Genres: Funk, Jazz, Rap, Latin, Country; auch schmalzige Soulballaden verschmähten sie nicht und komponierten herrlich schräge Songs, die immer wieder den Aggregatzustand wechseln, wie „Malpractice“, wo punkige Gitarren mit Samples aus Schostakowitschs 8. Streichquartett verschmelzen.

          Crooner, Rock-Belcanto oder doch Schwermetaller? Mike Patton von Faith No More beherrscht viele Genres.
          Crooner, Rock-Belcanto oder doch Schwermetaller? Mike Patton von Faith No More beherrscht viele Genres. : Bild: dpa

          Mit ihrer einzigartigen Verbindung von Melodie und Experiment, Pathos und Parodie boten Faith No More einen Ausweg der Rockmusik aus ihrer selbstverschuldeten Ernsthaftigkeit. Mike Pattons theatralische Stimme ist kein Authentizitätsorgan, sondern ein überaus strapazierfähiges Instrument. Von Brüll-Attacken über Rock-Belcanto, Crooner-Schmachten und skurriles Background-Gesumm bis zu posthumanem Gegurgel ist ihr kein Ton fremd. Diese Stimme hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in zahlreichen, teils von John Zorn inspirierten Avantgarde-Projekten verausgabt, darunter Mr. Bungle oder die Supergroup Fantômas, die sich auf brachiale Instrumentalmusik nach Motiven aus Kino und Manga spezialisiert hat. Das klingt selbst manchen Patton-Fans wie Stacheldraht im Ohr, und deshalb war die Sehnsucht nach neuem Material von Faith No More so groß wie langanhaltend.

          Kulinarisch durchhörbar

          Ein neues Album werde es jedoch nicht geben, verkündeten die Musiker seit 2009 – nun ist es da, in aller Stille ohne Produzent aufgenommen. Der Titelsong lässt es so ruhig wie nie zuvor angehen, ein schönes, tiefenentspanntes Intro. Gleich darauf haut „Superhero“ mächtig auf den Putz. Aber die herausgeprügelte Aggressivität dieses Liedes mündet bald in einen feierlichen Refrain, bei dem sich die Powerakkorde mit einer eingängigen Klaviermelodie verbinden. „Separation Anxiety“ klingt wie einer dieser klaustrophobischen, durch die Flüstertüte gehechelten Songs von Pattons Neben-Band Tomahawk.

          Dann, mit „Cone of Shame“, beginnt der Höhenflug des Albums. „Town is quiet now“, röchelt der Sänger zu hallenden, drahtigen Gitarrentönen und monologisiert über eine Liebe, die in gärenden Hass übergegangen ist. Nach zwei Minuten explodiert der Song, wird zum Biest voller diabolischer Energie: Patton in wandlungslustiger Topform, und die Band produziert einen Sound wie ein wohldefiniertes Muskelbündel. Mit dem „Kegel der Schande“ gemeint ist der lampenschirmartige Kragen, den Hunde bisweilen tragen müssen, damit sie sich nicht eine verletzte Körperstelle lecken; ein tolles Bild für den erniedrigten Liebeskranken. Abwechslungsreich geht es weiter, Höhepunkte sind „Rise Of the Fall“ und „Matador“, eine kleine, sechsminütige Rockoper, die gekonnt Pomp und Persiflage verbindet.

          Die überdrehte Vielfalt der Meisterwerke „Angel Dust“ und „King For a Day, Fool For a Lifetime“ erreicht „Sol Invictus“ nicht. Kein Schmachtfetzen wie „Evidence“ oder „Stripsearch“ ist zu hören, aber auch keine Hardcore-Attacken wie ehedem bei „Gentle Art of Making Enemies“ oder „Cuckoo For Caca“. Ohne solche Extreme wird das Album allerdings kulinarisch durchhörbar und klingt mit jedem Durchlauf besser. Ein solch geschlossenes, in sich stimmiges Werk hat die Band bisher noch nicht vorgelegt. Achtzehn Jahre sind seit dem letzten Album vergangen – die Crossover-Spezialisten haben sie souverän übersprungen.

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