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Album der Woche : Es gehört sich nicht, mit Schwänen zu schlagen

  • -Aktualisiert am

„Die Leute sagen, ich hab ein Radiogesicht / Die Stimme dazu hab ich leider nicht“: Andreas Dorau Bild: Gabriele Summen

Neue, böse Lieder, und gleich ein Doppelalbum davon: Andreas Dorau singt auf seine unnachahmliche Art von Gewalt, Nachtleben und Liebe – reizend unterlegt mit Electro-Grooves der Stunde.

          3 Min.

          Der Fall an sich klingt schon ziemlich unglaublich, aber dass man daraus ein Lied machen könnte, umso mehr: Weil sie etwas gegen seinen Dialekt hatten, verprügelten im Sommer 2009 in München zwei bayerische Männer einen Ostdeutschen – mit einem lebendigen Schwan.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Aus den Versatzstücken der darüber veröffentlichten Klatschpresse-Berichte hat Andreas Dorau nun mit seinem Musikerkollegen Carsten Friedrichs einen Song namens „Ossi mit Schwan“ gestrickt, der es in sich hat. „,Ick will eene Cola‘, so sagte er / Das bekamen zwei Bayern zu Gehör / Warum genau, das ist nicht mehr bekannt / Aber sie hassten Menschen aus Ostdeutschland“. Während das Übel mit dem Schwan seinen Lauf nimmt, fließt im Refrain des Sommerpop-Stückchens die Isar „leise und schön dahin“ und „Sonnenanbeter tummeln sich auf der Wiese“.

          Die Methode, Schönes mit Schrecklichem derart kollidieren zu lassen, sei von österreichischen Liedermachern inspiriert, hat Dorau dazu erklärt, etwa von Ludwig Hirsch. Aber womöglich noch näher läge – nicht nur wegen Erwähnung von Federvieh – der Vergleich mit Georg Kreisler und seinen alten, bösen Liedern, darunter auch dem vom Taubenvergiften im Park.

          In einer allgemeineren, genreorientierten Hinsicht kann man Andreas Dorau auch gut in die Geschichte des Bänkelsangs und der Moritaten einordnen, die dramatische Szenen aus der Wirklichkeit in die Kunst überführen, nicht selten zu moralischen Zwecken. Im aktuellen Lied klingt das so: „Ist ein Akzent auch schwer zu ertragen / Gehört es sich nicht, mit Schwänen zu schlagen“.

          Ein zusätzlicher Verstörungs-Effekt liegt in dem näselnd-niedlichen Kindergesangston, mit dem Dorau oft seine Lieder singt – so, als sei er immer noch hängengeblieben in der seiner Jugendzeit der Neuen Deutschen Welle, in der er bereits als Schüler einen Überraschungshit mit „Fred vom Jupiter“ landete.

          Seitdem hat der 1964 Geborene dem deutschsprachigen Chanson so manche Perle hinzugefügt. Leichte Refrains und simple, klimprige Hooklines sind sein Markenzeichen – oft konterkariert durch die Banalität des Bösen, so auch schon auf dem Album „Todesmelodien“ (2011) oder in dem Lied „Tannenduft“ (2014), das wie kurz darauf Heinz Strunks vielbeachteter Roman „Der goldene Handschuh“ (2016) die reale Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz Honka zum Gegenstand machte. Auch hier wieder so ein lustiger Schunkel-Refrain mit den Worten: „Tannenduft und Leichengeruch / Was mag in den Plastiktüten sein?“


          Zu den Stoffen aus der Wirklichkeit, die Dorau verwertet, gehört diesmal außerdem das Foto einer Berliner Punkerin aus den neunziger Jahren, deren geliebter Hund von Polizisten erschossen wurde: „Der Iro im Gesicht / Die Augen ohne Licht / Die Haut leichenblass / Die Lederjacke von Tränen ganz nass“. Es sind seltsam schöne Miniaturen, die hier aus dem Schmerz entstehen, seltsam anmutend auch darum, weil sie so minimalistisch elektronisch instrumentiert sind.

          Aber die Schrecknisse der Welt stehen auf Doraus neuem Doppelalbum doch nicht ständig im Vordergrund – es ist, auch durch die Mithilfe vieler anderer Musiker besonders aus dem Hamburger Raum, trotzdem ein sehr tanzbares, stellenweise sogar euphorisches Album geworden. Mit Stücken wie „Dies ist nicht real“, das der Multi-Instrumentalist Zwanie Jonson wie noch einige andere Songs geschickt arrangiert hat, könnte Dorau fast Daft Punk Konkurrenz machen, so mächtig geht das sich um eine melancholische Funk-Kadenz drehende Stück in Beine und Körper. Überhaupt ist die Platte geprägt vom Groove, manchmal auch in einer sehr gegenwärtigen Electro-Spielart, aber immer wieder hört man auch das Erbe der Doo-Wop-Musik mit ihren schönen Ohrwurmqualitäten heraus, das ja wiederum schon in der Neuen Deutschen Welle eine große Rolle spielte. In dieser reizenden Mischung entstehen dann Stücke wie „Liebe ergibt keinen Sinn“, in dem Flower-Pop auf Discobeat trifft, ein gepfiffener Refrain auf die Minimal-Lyrics mit dem Charme von Teenagerliebe, der doch noch unter die Haut geht.

          Wenn Dorau für Stücke solcher Art dann auch noch die Sängerin Francoise Cactus von der Band Stereo Total mit an Bord holt, die seit Jahrzehnten ihr ulkiges Frankodeutsch im Lied kultiviert, wird es manchmal auch vollends albern – und doch hat selbst das etwas für sich, wenn die beiden etwa im Duett über den Casio-Keyboardsounds aus dem Trio-Hit „Da Da Da“ ein Lied über Maria Sibylla Merian singen, die wegbereitende Naturforscherin aus dem siebzehnten Jahrhundert: „Willst du den Käfig, der um disch errischtet / Akzeptieren, auf dass er disch vernischtet? / Nimm Dir ein Beispiel an Sibylle“.

          Was im deutschsprachigen Lied alles möglich ist zwischen Quatsch Kunst, zwischen dokumentiertem Leben und wildwuchernder Phantasie, zwischen Heimatmelodie und sehr weltläufiger Inspiration, das hat wohl kaum jemand so ausgelotet wie Andreas Dorau.

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