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Album der Woche: Eminem : Mit dem Zweiten zieht man besser

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Brettern im Stil der alten Schule: Der Rapper Eminem ist zurück mit einem glänzenden Album. Es ist klassische Moderne: hart arbeiten am Material, Durchgestaltung und Perfektion.

          3 Min.

          Es gibt eine Begriffsverwirrung im Hip-Hop; sie kommt durch die historische Ungenauigkeit zustande, mit der Rapper in die Kategorien old school und new school eingeordnet werden. Old School, das bedeutet schepperndes Schlagzeug, viel Text und im Refrain auf keinen Fall irgendein R&B-Stimmchen, das von Liebe und Herzschmerz haucht. Unter Old School firmieren Künstler wie LL Cool J, NWA oder Tupac, Stars der frühen neunziger Jahre, als Hip-Hop zu Pop und zum Massenmedium wurde.

          Tatsächlich waren die Neunziger aber schon Teil der neuen Schule, man rappte anders als in der Dekade zuvor, hüpfte nicht mehr punktgenau mit dem Reim aufs Taktende, sondern arbeitete mit Tempowechseln und Enjambements. Als der Rapper Rakim begann, den Beat weniger als Metronom und mehr als Raster für seine elegant ausufernden Erzählungen zu nutzen, dachten die Techniker im Studio, der Mann wäre bekifft.

          Heute gehört das Einebnen der Taktstruktur, das raffinierte, den Rhythmus variierende und sogar demontierende Sprechen zum guten Ton. Musiker wie Lil’ Wayne haben dieses Verfahren zu einer Ästhetik verfeinert, die irgendwo zwischen Rezitation und Delirium schwankt. Viel Spaß, ihr Studenten der African-American Studies, bei der Auslegungsarbeit.

          Motown meets Easy Rider

          Eminem klingt mit seinem neuen Album wie old school, die eigentlich eine sehr frische new school ist. Das heißt: rhetorischer Schmiss, dass der Gaumen zittert. Und ein Beat, für den man wohl genau die auf Hip-Hop spezialisierten Kopfhörer braucht, die Eminems Mentor und Entdecker Dr. Dre reich gemacht haben. Es brettert, scheppert, knarzt und knackt, funky hätte man früher gesagt, real funky, und es stimmt ja auch: Der Funk, also die beschleunigte, mit Testosteron aufgeladene Variante von Soul, ist hier in hoher Dosis enthalten.

          Weil Eminem nach wie vor mit dem Unterschichten-Image kokettiert, gibt es auch wieder die schmissige Rockgitarre. Als hätten sich die Jungs von der Motorradgang heimlich mit denen aus dem Tanzclub eingelassen. Motown meets Easy Rider. Und er lebt ja auch immer noch in Detroit, der Stadt, die große Autos und großen Pop hervorgebracht hat und jetzt pleite ist.

          Das Plattencover zeigt Eminems Geburtshaus, eine ziemliche Bruchbude; sie steht zum Verkauf, als hätten sich die Amerikaner nicht schon unglücklich genug gemacht mit zwielichtigen Immobilien. Aber auch das gehört zur Folklore: dass man nicht in Los Angeles lebt oder in New York und schon gar nicht wie Kollege Jay-Z mit Künstlern herumhängt. Rappen im MoMA, da kann man ja gleich Frauenklamotten entwerfen, siehe Kanye West. Die Working-class-Haltung ist natürlich paradox wie so viele Erscheinungsformen von Popkünstlern. Eminem hat laut „Forbes“-Liste der größten Hip-Hop-Verdiener ein Gesamtvermögen von einhundertvierzig Millionen Dollar.

          Er ist immer noch wütend

          In den Texten spielt das aber keine Rolle; es gibt keine Donald-Trump-Prosa des Größenwahns, die man sonst von erfolgreichen Rappern zu hören kriegt. Die zum Werk aufgeblasene Warhol-Idee, das Geld verdienen die größte Kunst von allen sei, ist Eminem zu artifiziell. Er ist ja auch kein Postmodernist, sondern mehr klassische Moderne: hart arbeiten am Material, Durchgestaltung und Perfektion. Und das Leben, na ja, jetzt, da man nach überstandener Tablettensucht clean ist, geht das alles sehr nüchtern zu: aufstehen, workout, acht Stunden Studio, Erholung vor dem Fernseher.

          Den exzentrischen Teil seines Frühwerks, eine dunkle Entwicklungsgeschichte mit Unordnung, frühem Leid, Kunsterweckung durch Rap und noch mehr Unordnung, den zitiert er nun wieder. Er ist zwar nicht mehr der Künstler als komplett verstrahlter junger Mann, aber immer noch wütend, nachtragend, gehässig, auf höchstem Reimniveau versteht sich. Die Songtitel heißen entsprechend: „Brainless“, „Bad Guy“ und „Monster“. Und dass er sich auch die Mutter wieder vorknöpft, das ist Trauerarbeit ohne Trauer. Vergeben ist gut, verunglimpfen ist besser. Glaub mir, Mom, das wird dir jetzt mehr weh tun als mir.

          Im Tonstudio saß zum einen Rick Rubin, er tritt auch im Video zu „Berzerk“ auf. Ein tolles kleines Filmchen mit Skateboardern und B-Boys und zum DJ-Scratching hin und her ruckelnden Bildern. Rubin, mit Zauselbart und Wollmütze, sieht aus wie Harry Rowohlt in der Bronx, und in gewisser Weise ist er das wohl auch, ein Übersetzer von Soundsprachen. Für Eminem hat er besagten rockigen Zungenschlag in die Popgegenwart transkribiert. Als zweiter Produzent Dr. Dre, die graue Eminenz des Westküsten-Hip-Hop, ab und zu schenkt er Rappern einen Song, so, wie der Herrgott Eingebungen versendet. Wenn 50 Cent, The Game oder Kendrick Lamar, seine Schützlinge, von einem Dr.-Dre-Beat reden, klingt es immer nach Gnade und Erweckung.

          Eminem ist nun wirklich gesegnet mit Dr. Dre, das ist stimmig, weil sein hektischer, nach wie vor furios vor sich hin hastender Raspel- und Zwirbel- und Wirbelsprech gar keine vertrackt modischen Stolperrhythmen braucht, wie man sie derzeit viel zu hören bekommt, sondern das solide marschierende Funkregiment. Sequels seien oft schlechter als der erste Teil, heißt es. Diese These ist älter als old school.

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