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Album der Woche: Die Zikaden : Mit den Sirenen davon

  • -Aktualisiert am

Bild: Die Zikaden

Sanfte Godzillas bitten zum Tanz: In schwerelosen Folkpopsongs feiern Die Zikaden auf ihrem Album „Die neue Landschaft“ die Schönheit des Unbestimmten.

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          Das Zirpen der Zikaden – es gibt wohl kaum anderes Geräusch, das so unmittelbar das Bild mediterraner Glücksseligkeit und Entrücktheit hervorruft und sofort an Ausstieg aus Zwängen und das Sich-Verlieren in lauen Sommernächten denken lässt. Deshalb ist der Name der einst als „The Cicada Piece“ gegründeten und jetzt als „Die Zikaden“ gehäuteten Indie-Folkband um Sänger Claus Telge gut gewählt. Denn es ist eben jener in der Luft hängende, dem Alltag und der Zeit enthobene Moment, dem sich ihre Musik widmet. Der Feind ist die Eindeutigkeit: „Wie schön du bist, wenn du unentschieden bist“, heißt es etwa im sich dahinwiegenden „Sanfter Godzilla“. Sich wie der archetypische Flaneur gehen zu lassen, wie es im Opener „Ach komm, das ist doch so 19. Jahrhundert“ des Albums besungen wird, nur wahrzunehmen und eben keine Konsequenzen zu ziehen: Das ist hier das Ideal.

          Entsprechend sind die reimlosen Texte von Sänger Claus Telge sehr assoziativ gehalten, die Geschichten bastelt man sich aus impressionistischen Fragmenten wie „Sexspielzeuge auf der Decke / Chinaböller im Hof“ selbst zusammen. Es geht vage um Zwischenmenschliches, der Sänger erhascht den Blick eines nicht näher bestimmten „Du“ im Musikclub oder sitzt mit ihm/ihr im Kinosaal „unter der Firmamentatrappe.“ Die Poesie ist eine hingetupfte und setzt immer wieder das Mythisch-Metaphysische mit dem Prosaischen in Beziehung. Da hockt dann der Sänger mit Minotaurus am Frühstückstisch oder lässt seine schwarzen Sneakers „wie zwei offene Gräber“ dastehen. Zu bedeutungsschwer oder gar schwerfällig wird es aber trotzdem nie, denn meist gesellt sich eine leise Ironie hinzu, wenn sich der Sänger etwa fragt, wie er einen eigentlich schönen Moment „jemals wieder los“ werden soll.

          Dennoch wäre die Angelegenheit wohl etwas anstrengend, wüsste die Musik den Textkonstrukten Telges nicht Flügel zu verleihen. Glücklicherweise gelingt es der Band mit Akustikgitarre und Cello und dem gelegentlichem, zurückhaltendem Einsatz elektronischer Elemente einen Schwebezustand zu erzeugen, auf dem sich Telges Lyrik unbekümmert entfalten kann. Packende Hooks sucht man hier zwar vergebens, denn auch im Musikalischen ist den Zikaden eher der Weg das Ziel, dennoch sind die heiteren Melodien sofort eingängig. In ihrem gelassen-beschwingten Dahintreiben erinnern die Songs an neuere Veröffentlichungen der Flowerpornoes, und auch Claus Telges sanftes Timbre ist dem von Tom Liwa sehr ähnlich. Aber auch Kante, Die Sterne oder die frühen Blumfeld hört man in manchen Momenten heraus.

          Mit dieser Feststellung muss man allerdings auch attestieren, dass „Die neue Landschaft“ nicht ganz so neuartig klingt, wie es der Titel vielleicht suggeriert. Den Deutschpop neu erfunden hat die Formation aus Braunschweig sicherlich nicht, dazu ist die Musik ein Stück zu gefällig, die Texte ein wenig zu selbstgenügsam in ihrer Verschrobenheit. Ein gutes Album ist Telge und seiner Band aber allemal gelungen. Man verliert sich gerne ins Ungefähre – und lässt sich schließlich davontragen von den Zikadengesängen, ins süße Dazwischen.

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