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Album der Woche : Die Revolution läuft nur im Fernsehen

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In „Right Now“ geht es um grassierenden Selbstinszenierungswahn und flüchtige Berühmtheit. Wenn Rosie mit kratzig-raspelnder Stimme von den „plastic fantastic little creatures“ singt, hat sie den Instant-Ruhm von künstlichen Reality-Shows wie „American Idol“ klar im Blick. Mit „Thugs Club“ attackiert die Band neben George W. Bush (ist der nicht längst Geschichte?) auch den Medienmogul Rupert Murdoch mit seinen inszenierten News-Shows. Während in „The Ballad Of The Jersey Wives“ alte Verschwörungstheorien rund um 9/11 wieder aufgekocht werden, kommt „O.I.L. - Can’t Get Enough Of That Sticky Stuff“ als mitreißende Funk-Nummer im Sexy-Prince-Stil daher und rechnet mit einer maßlosen Ölindustrie ab. Die bittere Ballade „Scared For The Children“ sorgt sich dagegen um die zunehmend entfremdete Kindheit der „digital natives“ und beklagt den unweigerlichen Verlust jugendlicher Unschuld.

Doch sind es nicht diese gutgemeinten sozialen Kommentare, die den Hörer faszinieren. Man muss weder Beck-Fan noch erklärter Liebhaber der E-Gitarre sein, um die rohe, undomestizierte Kraft und unverfälschte Leidenschaft zu spüren, die aus dieser Musik spricht. Immer wieder umspielt Jeff mit melodiösem Feedback den Gesang von Bones. Allein sein Gitarrenspiel hält das ganze Stil-Gemisch zusammen und verzahnt sich perfekt mit Vandenbergs Rhythmusarbeit. Und es ist noch alles da: von melodiösen Tondehnungen mit dem Vibratohebel und rasanten Trillerfiguren bis zum sprachähnlichem Kreischen und einem delikaten Gespür für hypnotische Wendungen. Es gibt sogar noch mehr: In der bitteren Ballade „Scared For The Children“ spielt Beck einige der besten Gitarrenpassagen seines Lebens. Schon der erste Ton seines Solos dringt wie ein zielsicherer Stich in unsere Herzkammer. Das meisterhafte Spiel der Kontraste zwischen langgezogenen Einzelnoten und verwirrend-schwirrenden Läufen, die ständig wechselnde Farbgebung des Gitarrensounds, die unfassbar eleganten Legato-Passagen - all das erneuert einmal mehr Becks Ruf als unvergleichlicher „Guitar Slinger“.

„Nie war mir Jimi wichtiger als heute.“ Becks überraschende Hommage an Hendrix findet nicht allein im zweiten Solo-Part von „Scared For The Children“ seine Beglaubigung - „Little Wing“ lässt grüßen! -, sondern ebenso im Wah-Wah-Auftakt von „Right Now“. Von ganz anderem Kaliber sind die beiden einzigen Instrumentalnummern des Albums: Während sich im brachialen „Pull It“ elektronisch entseelter Industrial-Rock Bahn bricht (Roboter tanzen Pogo), klingt das atmosphärisch-verhangene „Edna“ wie ein Loblied auf Walgesänge. Im country-verwandten Schluss-Song „Shrine“ plädiert Rosie dann noch einmal für eine pazifistische Grundhaltung im Alltag und fragt scheinbar naiv: „Must we destroy what we don’t understand?“ Becks perlende Melodielinien schmiegen sich wie ein sanftes Versprechen um die Suchbewegungen der Stimme. Selten klang sein Gitarrenspiel vertrauter und überraschender zugleich.

Vor fünfzig Jahren - nach seinem Rauswurf bei den Yardbirds - startete er mit dem bahnbrechenden Titel „Beck’s Bolero“ seine Solo-Karriere: Bis heute ist sie eine Folge von überraschenden Häutungen und Herausforderungen geblieben. Er ist der letzte Dinosaurier seiner Art. Das glorreiche Triumvirat Eric Clapton - Jeff Beck - Jimmy Page, das einst den Typus des bluesbeseelten Gitarrenvirtuosen begründete, ist längst zerfallen. Während Page sich seit Jahren nur noch neuen Remixen seiner Led-Zeppelin-Vergangenheit widmet, muss man befürchten, dass Clapton wegen seiner jüngst bekanntgewordenen Nervenerkrankung vielleicht gar nicht mehr zur Gitarre greifen kann. „Loud Hailer“ macht jetzt unmissverständlich klar: Jeff Beck ist der einzig verbliebene „Hüter der Flamme“. 

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