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Album der Woche : Die andere Seite der Sehnsucht

Hörprobe: „Haunted“ Bild: TOSOD Music

Freundlich und altmodisch, mit dem Charme des alten Südens: Rickie Lee Jones hat in New Orleans ein neues Album aufgenommen, auf dem sie auch versucht, auf Französisch zu singen.

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          Keine große Stimme – aber eine charaktervolle, in ihrem Eigensinn unvergessliche –, so glaubten wir Rickie Lee Jones zu kennen. Schon der Name klingt ja wie ein Mini-Lied von ihr. Immer diese bezaubernden leichten Abweichungen. Und nun kommt sie uns ganz anders entgegen. Merkwürdig nasal singt sie, wie eine Siebzehnjährige mit einem leichten charmantem Schnupfen, wie eine weibliche Version von Dr. John. Immer hat sie ihre Stimme genutzt, um mit weiblichen Rollen zu spielen. Und sehr viel hat sich für sie verändert. Dr. John stammt aus New Orleans – kann es denn ein Zufall sein, dass Rickie Lee Jones nach New Orleans gezogen ist?

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          „The Other Side of Desire“ heißt ihr neues Album, das sich ganz dem Ortsgeist überlässt. Tennessee Williams hat ein bekanntes Theaterstück geschrieben „A Streetcar Named Desire“ (Endstation Sehnsucht). Es spielt in New Orleans, und der Albumtitel nimmt „desire“ von dem Drama auf. Auch die regionaltypischen Elemente der frankophonen Cajun-Musik in ihren neuen Liedern stammen von dort – etwa im „Valtz de mon Pere“ sind sie deutlich zu hören, schon der französische Titel konnte nur in New Orleans formuliert werden. Und natürlich „Christmas in New Orleans“. Das vage Folksongartige der früheren Lieder ist in die lokale musikalische Überlieferung zurückgesunken – oder ist es zu ihr vorangeschritten?

          Den Ortswechsel hat die Sängerin ausführlich begründet. Es spielt eine Rolle, dass ihr Vater am Ende in der Stadt am Mississippi lebte. Hier, im alten Süden, so sagt sie, gingen die Dinge etwas langsamer als sonst in den Vereinigten Staaten, „freundlicher … altmodischer“. Gehalten von Traditionen, anders als im Westen, wie sie sagt: Die Tradition sei hier eine Sprache, die leicht und ruhig gesprochen werde. Etwas ärmer sei es, gewiss; und etwas gefährlicher, als es sein sollte. Ihr gefällt‘s.

          Und doch: Sie hadert auch ein wenig mit ihrem Geschick. Der große Ruhm, den sie Ende der siebziger Jahre genoss, als ihr Foto zweimal auf der Titelseite des „Rolling Stone“ erschien, ist dahin. Sie lebt allein. Sie ist jetzt sechzig Jahre alt. Für die Platte hat sie ihr eigenes Label gegründet, „The Other Side of Desire Records (Tosod)“.

          Es ist ihr erstes Album seit zehn Jahren, alle Stücke und Texte hat sie geschrieben. Immer wieder die französischen Anspielungen: „O Cherie“ (im ersten Lied, „Jimmy Choos“), „J’ai Connais Pas“ (der dritte Titel). „Juliette mon coeur / ma soeur / ma sur, trésor / les Mistral, encore … Juliette my friend / mon chien“ – man merkt, das Französische ist etwas holprig. Wie übrigens auch ihr geschriebenes Englisch von leichten Unkorrektheiten strotzt, aber macht das was?

          John Porter hat dieses Album produziert, er ist ein erfahrener Mann (der etwa mit Roxy Music gearbeitet hat), Brite, einer den wenigen Beteiligten, die nicht in New Orleans leben. Es fetzt nicht, es tut nicht jünger als die Künstlerin ist (nur die Stimme ist mädchenhaft-verspielt wie eh und je), es buhlt nicht um Glamour und ist ruhig, aber nie langweilig.

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