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Album der Woche : Der traurige Verführer

  • -Aktualisiert am

Abel Tesfaye von The Weeknd Bild: Universal

Nach dem letzten Album von The Weeknd war die Popwelt gespannt, wie es weitergeht. Die neue Platte zeigt es – mit Liebesliedern, zu denen sogar Liebesunfähige tanzen können.

          3 Min.

          Mit drohend pulsierendem Bass und der unheilvollen Stimmung nächtlicher Irrfahrten setzt „Starboy“ ein, das Start- und Titelstück des neuen, dritten Albums von The Weeknd. Es handelt tatsächlich vom Autofahren, und zwar mit den teuren Fahrzeugen, die sich der Sänger dank seines kometenhaften Aufstiegs als Amerikas bedeutendster männlicher Popstar leisten kann: einen McLaren, einen Lamborghini, einen Bentley, einen Rolls-Royce und einen nicht näher spezifizierten Wagen als Geschenk für seine Mutter. „We don't pray for love, we just pray for cars“, protzt der 26 Jahre alte Kanadier, der eigentlich Abel Tesfaye heißt, aus einer äthiopischen Familie stammt und seit 2011 als das Wochenende mit einem fehlenden Buchstaben „E“ Musikkarriere macht.

          Im vergangenen Jahr hatte Tesfaye verkündet, der Michael Jackson seiner Generation werden zu wollen. Durch die Veröffentlichung seines damaligen Albums „Beauty Behind The Madness“ ist ihm dieses Kunststück dann tatsächlich gelungen. Neben düsteren, elektronisch vertrackten R&B-Stücken enthielt es erstmals im Schaffen Tesfayes eingängige Popsongs, die die angestrebten Spitzenplätze in den internationalen Hitparaden erzielten. Nun ist die Popwelt gespannt, wie es weitergeht mit The Weeknd.

          Es geht ganz phantastisch weiter. „Starboy“ erweitert und verfeinert sein stilistisches Repertoire. Neben dem schwedischen Hitfabrikanten Max Martin, der bereits im letzten Jahr The Weeknds kokainseligen Sommerhit "I Can't Feel My Face" mitverantwortete, hat der Sänger nun auch die französischen Tanzmusikstars von Daft Punk in sein Team geholt. Gemeinschaftlich schufen sie eine vorzügliche elektronische Disco-, Funk- und Soulschallplatte. Sie hat starke Anklänge an die achtziger Jahre, ist aber für die Hörgewohnheiten der heutigen Jugend greller und knalliger im Hinblick auf Lautstärke, Pathoseffekte und die Thematisierung von Sex und Drogen produziert. Das Goutieren dieser Musik mag von manchen Hörern ein gewisses geschmackliches Umlernen erfordern.  

          „Party Monster“ und „Reminder“ stellen als narzisstische Schwofe mit dem eigenen Ego typische The-Weeknd-Lieder dar. Synkopische Basslinien lassen die Hüften kreisen. Melancholische Piano- und Streicherakkorde umnebeln den Verstand. In funkelndem Falsett berichtet der Sänger, wie er mit Drogencocktails und flüchtigen Geliebten seine Gefühle betäubt. Trauriges und verführerisches Flehen vereinen sich in seiner Stimme. Sie hebt sich von den vielen anderen männlichen Falsettstimmen unverkennbar ab.

          The Weeknd hat eine regelrechte Bewegung der traurigen Hedonisten begründet. Das im schwarzen Pop übliche Angeben mit Statussymbolen findet jetzt oftmals in einen Tonfall der Seelenpein und Vergeblichkeit statt. „It just seem like niggas tryna sound like all my old shit“, verhöhnt Abel Tesfaye auf „Reminder“ seine zahlreichen Nachahmer. Er selbst dagegen hat sich weiterentwickelt und bietet seinen Hörern anstatt narkotisierten Klagegesängen nun Partykracher wie „False Alarm“ und „Rockin“, denen er wie sein Vorbild Michael Jackson mit Atemgeräuschen und kieksenden Schreien rhythmisch Beine macht.

          Kommentar zur Lage der Bürgerrechte

          „False Alarm“ ist eines von mehreren Stücken, in denen der Sänger sich mit einem weiblichen Ebenbild konfrontiert, einer bindungsunfähigen Getriebenen auf der Jagd nach Geld und Selbstgenuss, die Gefühle nur temporär vorspielen kann. Ihre Liebe ist: falscher Alarm. The Weeknd trägt diesen Refrain als Wutschrei vor. In einem Interview hat er bekannt, dass er gerne Lieder über politische Probleme schreiben würde, sich bislang zu solchen Texten jedoch nicht in der Lage sehe. Man dürfe, so Tesfaye, diesen Wutschrei aber durchaus als Kommentar zur Lage der Bürgerrechte und zum Rassismus in Amerika begreifen.

          The Weeknd singt zwar vornehmlich über Sex und Liebeskummer, aber sicherlich beruhen die ausgedrückten Emotionen auf komplizierteren Ursachen. Die amourösen Beziehungen in seinen Liedern werden jedenfalls, wenig romantisch, vornehmlich als ökonomische Transaktionen zum Ziel des sozialen Aufstiegs geschildert. 

          In „Stargirl Interlude“, einem Duett mit Lana Del Rey, vereinen der Starboy und das Stargirl ihren Ruhm beim Sex auf dem Küchentisch. In „Attention“ zerbricht die glorrreiche Partnerschaft wieder, weil sie ihm „only on the TV or the bed now“ begegnet. Womöglich spiegelt dieses Stück das reale Leben des Popstars wider. Kürzlich sollen Abel Tesfaye und das Model Bella Hadid ihre Liaison beendet haben. Als Begründung wurde eine typische Hollywood-Formulierung gewählt: Es war zu schwierig, die Terminkalender zu koordinieren. Nichtsdestotrotz endet der Reigen der insgesamt 18 Liebes- und Liebesunfähigkeitslieder optimistisch: „I Feel It Coming“, jubelt The Weeknd zu unwiderstehlichen karibischen Rhythmen. Das Lied wird gewiss ein Fetenhit. Dafür ist Musik schließlich auch da: um Probleme, seien sie amouröser oder politischer Art, einfach einmal wegzutanzen.

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