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Album der Woche : Der Tillerman lässt grüßen

  • -Aktualisiert am

Bild: John Londono

Fingerpicking ist nicht genug: The Barr Brothers legen mit „Sleeping Operator“ ein symphonisch arrangiertes Album zwischen Folk, Gospel und Independent Rock vor, das zum Niederknien gut ist.

          2 Min.

          Was ist wohl ein „sleeping operator“? Ist es jemand, der den Schlaf regelt, oder ist es ein schlafender Telefonbeamter, der die gewünschte Verbindung nicht herstellt? Die zweite Lesart des Albumtitels der Barr Brothers würde an einen schönen Song der siebziger Jahre erinnern, „Operator“ von Jim Croce – und damit vielleicht auch gleich ein Vorbild für diese Band verraten.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Andrew und Brad Barr sind leise zupfende Brüder, die sich deutlich in die Tradition der großen Singer/Songwriter stellen. Gleich noch eine Referenz hört man in ihrem von klassischem Fingerpicking grundierten Lied „Even the Darkness has Arms“, in dem es heißt: „Bribing the jury to keep me in jail / Singing Tea for the Tillerman”. Cat Stevens lässt also auch noch grüßen.

          Fast wie eine Explosion

          Aber die Brüder sind mehr als ein Folk-Duo, und ihr nun erscheinendes zweites Album wäre mit dieser Tradition allein nicht annähernd erklärt: Es ist ein großer Wurf mit ausgefeilt opulenten Arrangements, der allein schon lautstärkedynamisch alles ausreizt, vom irisierenden Intro aus Banjo-und Harfenklängen („Static Orphans“) bis zur bombastischen Rock-Gitarrenriff und symphonisch ausgeschmückten Refrains: Der Übergang von diesem Intro zum ersten Stück „Love Ain’t Enough“ ist ein Meisterstück, das sich fast wie eine Explosion anfühlt.

          Die Band scheint zudem die ganze Entwicklung des Independent Rock der letzten zwei Jahrzehnte in sich aufgenommen zu haben - von den Shins bis zu den Fleet Foxes steckt da vieles mit drin, aber obendrauf kommt auch noch ein gelegentlicher Zug zum Gospel, den man in dieser Kombination bislang selten gehört hat.

          Ganz deutlich wird das bei dem Lied „Come in the Water“, dessen Titel wohl nicht zufällig an eine Taufe erinnert. Das Kind, welches darin gepriesen wird, muss von atemberaubender Schönheit sein: „On the day that you were born / Legions laid down their arms“. Wiederum bezeugt man hier einen phantastischen Spannungsaufbau: Ganz verhalten und zu einer wimmernden Orgel geht das los, bis der soulige Refrain einsetzt; in einer darauf folgenden Bridge sind dann plötzlich Bläser und Streicher dabei, und schließlich schaukelt sich das Ensemble immer höher, bis das Stück in ein orgiastisches verzerrtes Gitarrensolo mündet.

          An Instrumenten fährt die Gruppe ein ganzes Arsenal auf: Da sind neben der fast immer interessant durchschillernden Harfe von Sarah Page auch weiche Posaunen und Celli zu hören, dazu Bluesharp und andere Mundharmonikas oder Slide-Gitarre wie bei „Half Crazy“. Für das Stück „Little Lover“ scheint die Band zudem das Knochenxylophon ausgeliehen zu haben, das Tom Waits damals für sein Geisterschifflied „Clap Hands“ benutzt hat.

          Wenn die Quetschorgel quetscht

          Die reiche Instrumentierung und die versierten Arrangements zeugen vielleicht auch davon, auf welche Erfahrung die Musiker schon zurückgreifen – als Schlagzeuger, Sänger und Pianist  hat Andrew Barr auf zahlreichen Studioproduktionen mitgewirkt, etwa bei Natalie Merchant oder der leider viel zu früh verstorbenen Ausnahmesängerin Lhasa. Mit seinem Bruder, dem Sänger und Gitarristen Brad Barr, gehörte er seit 1997 zu dem Bostoner Trio The Slip, das zwischen „Avant-Rock“ und Fusion-Jazz eingeordnet wird.

          Bei einem Konzert in Kanada lernten die Brüder die Harfenistin Page kennen. Mit ihr und dem Multi-Instrumentalisten Andres Vial spielten sie dann 2011 das Debüt der Barr Bothers ein. Dieses erste, schlicht „The Barr Brothers“ betitelte Album der Gruppe wird nun zeitgleich mit „Sleeping Operator” noch einmal in Deutschland veröffentlicht (Secret City/Rough Trade). Es ist noch mehr am traditionellen Folk orientiert, hat aber auch schon wahre Goldstücke wie „Old Mythologies“ und „Let there Be Horses“ zu bieten.

          Das vielseitige Werk „Sleeping Operator“ klingt schließlich aus mit einem fast gebetsartigen Lied, das an alte amerikanische Gospelhymnen anknüpft, wie sie etwa im Liederbuch der Mutter von Johnny Cash standen. Es geht um jemanden, der vom rechten Pfad abgekommen ist und noch dazu große Wut im Bauch hat. „Please let me let it go“, bittet der wütende Verirrte, der sich schließlich als Todgeweihter entpuppt, und wenn die Quetschorgel dazu quetscht und die Hintergrundchöre mit jeder Strophe himmlischer werden, weiß man für eine Weile gar nicht mehr wohin mit sich.

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