https://www.faz.net/-gsd-87swv

Album der Woche : Der letzte vernünftige Schlagzeuger

  • -Aktualisiert am

Don Henley (68) wagt sich nur alle Jubeljahre mit einer Platte an die Öffentlichkeit. Einen anderen Rhythmus hat der Eagles-Schlagzeuger nicht nötig. Bild: Danny Clinch

Nach fünfzehn Jahren macht Don Henley wieder ein Soloalbum. Ähnlichkeiten mit den alten Eagles sind beabsichtigt. So weit also nichts Neues unter der texanischen Sonne. Muss man es trotzdem haben?

          4 Min.

          Merkwürdig, wie sehr das gut Verkäufliche doch auch Hass auf sich zieht. Aber fünfzig Millionen Elvis-Fans konnten am Ende genauso wenig irren wie die Abermillionen Käufer von Eagles-Platten. Man muss ja keinen Wetterfrosch befragen, um zu wissen, woher der Wind weht. Was die Eagles betrifft, so scheint er sich, nach Jahrzehnten der Häme, wenn nicht komplett gedreht, so doch etwas abgeschwächt zu haben - man muss nur, wie Bruce Springsteen einmal bemerkte, lange genug im Geschäft sein, und das waren und sind sie als kommerziellste Triebkraft des Westküstenrocks zweifellos, denn es gibt sie ja immer noch. Und nach allem, was man hört, hängt es Don Henley immer noch nicht zum Hals raus, während der vermutlich never ending Eagles tour „Hotel California“ zu singen. Warum auch? Es wurde schon Schlechteres zum Weltkulturerbe gemacht. Inzwischen scheinen die Leute wohl die Lust daran verloren zu haben, auf den Eagles herumzuhacken.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Es wurde auch Zeit. Und so ist der Moment, mal wieder etwas von sich hören zu lassen, günstig. Don Henley bringt in der nächsten Woche ein Soloalbum heraus, sein fünftes in bald vierunddreißig Jahren, sein erstes seit fünfzehn Jahren. Man sieht: Der Mann denkt in großen Zeitläuften und arbeitet mit der Ruhe eines unermesslich reichen Rinderbarons aus Texas (wo er ja auch herstammt), der nur alle Jubeljahre nachsieht, ob der Zaun noch in Ordnung ist. Als viertreichster, zweihundert Millionen Dollar schwerer Schlagzeuger der Welt - auch diese Rangliste gibt es, ganz oben steht natürlich Ringo Starr, dann kommt Phil Collins, danach David Grohl - hat er nur noch ganz wenig nötig. Musik gehört dazu, und wenn er mal arbeitet, dann kriegt man auch etwas für sein Geld. Das letzte, damals kaum gewürdigte Album „Inside Job“ (2000) wurde mit mehr als vierzig Musikern eingespielt und dauerte siebzig Minuten; ein gewaltiges Werk, das die Meisterstücke „Damn It, Rose“ und „Miss Ghost“ enthält, dazu angenehme Akustikgitarrenballaden und gerade noch verzeihliches Achtziger-Blech.

          „Cass County“ hat, nicht nur im Titel, auch wieder texanische Dimensionen, obwohl die sechzehn Lieder in Nashville aufgenommen wurden. In Nashville, ganz recht - irgendwann muss da jedes Genie mal hin, selten zu seinem Nachteil. Obwohl die Firma das Album unter „Country“ abgeheftet hat, entspricht es dieser Einordnung nur in dem Maße, in dem auch die Eagles „Country“ waren, daneben aber noch etwas anderes, Folk, harter Rock und Country-Disco, ein Genre, das sie 1975 mit der Platte „One Of These Nights“ erfunden haben. Wenn man genau hinhört, dann spürt man auch nun überall ein wenig Country heraus; aber insgesamt hat Don Henley seinen Kurs Richtung Singer/Songwriter, den er schon beim letzten Mal eingeschlagen hatte, gehalten. Und das bedeutet: kein Schielen mehr nach Radiohits, die ihm seit „Dirty Laundry“ (1982), diesem wuchtigen Schlag auf die Zwölf, ja reihenweise gelangen, „Johnny Can’t Read“, dann vor allem „Boys of Summer“, später noch das mit dem Bruce-Hornsby-Geklimper im Grunde aber schon zu anbiedernde „End of the Innocence“. Damit lag er auch nach den glorreichen Eagles-Tagen, die er wie die anderen meistens wohl zugedröhnt verbracht hat, bestens im Rennen, Glenn Frey meistens eine Koksnase voraus, diesem alten Mitstreiter, den er, als die Eagles 1979 zum Sinkflug ansetzten, schon gar nicht mehr in seiner Nähe haben konnte (und umgekehrt).

          Solche Knaller gibt es jetzt nicht mehr; nicht, weil Henley es nicht mehr könnte - einmal, in „Take a Picture of This“, streckt er seine kommerziellen Krallen ja auch aus -, sondern, weil er es gar nicht mehr will. Es ist immer Vorsicht geboten, wenn Musiker betonen, wie viel Spaß ihnen die Arbeit gemacht habe; aber diesmal, im Studio von Nashville, muss es wirklich so gewesen sein, auch wenn man sich Don Henley nach wie vor nicht lachend vorstellen kann - er ist mehr der Typ „Sofort aufhören, ich mag keinen Klamauk!“.

          Es ist ein Wunder, dass dieser ernste, zurückgezogen lebende Texaner überhaupt noch eine Platte gemacht hat. Das hat auch vertragliche Gründe, und ein Album ist er Capitol Records sogar noch schuldig. Wenn es wieder so lange dauern sollte, dann wäre er bei der nächsten Plattenbesprechung 83. Aber wie dichtete der Meister damals so treffend? „You can check out any time you like, but you can never leave“ - ewig kreisen die Adler am Himmel, mal zusammen, mal vereinzelt, wobei Joe Walsh seine Sache zuletzt mit Abstand am besten machte, während Glenn Frey und Timothy B. Schmit nur Langeweile verbreiteten.

          Das hat Don Henley nie getan, dafür ist er nicht nur ein zu profunder, sondern auch ein zu geschmackssicherer Musiker, der auch weiß, wovon er lieber die Finger lassen sollte, zum Beispiel von diesem American-Songbook-Schubiduh, an dem sich zuletzt ja sogar Dylan vergriffen hat. Henley sattelt immer dieselben Pferde und kommt damit weit genug. So ist denn die größte Überraschung das Personal, das er ins Studio einbestellt hat: Mick Jagger - man glaubt erst, sich zu verhören - assistiert beim Auftaktlied „Bramble Rose“ von Tift Merritt - ein schönes, scheu innehaltendes Lied, das Henley mit seinem behutsamen, nur ganz leicht raspelnden Organ ohne weiteres in den Griff bekommt, auch wenn man sich fragt, warum Jagger dabei nun unbedingt diese eine Strophe herausjammern musste - vermutlich wollte Henley, der fast unnormal zurückgezogen lebt, damit nur beweisen, auf wie vertrautem Fuße er immer noch mit dem kompletten Rock-Adel steht. Dazu gehören zweifellos auch Dolly Parton, mit der er verblüffend reinen Country intoniert, und Merle Haggard, der auf der Mandolinenweise „The Cost of Living“ auch keineswegs stört. Als weitere Fremdkomposition hat Henley den unwiderstehlichen Jesse-Winchester-Schunkler „The Brand New Tennessee Waltz“ gewählt, wobei er die Anmut des Originals nicht erreicht.

          Bild: Universal

          Er selbst hat sich hier wieder ein Repertoire zusammenkomponiert, das über jeden Zweifel erhaben ist, überwiegend ruhige Nummern, eine Folkminiatur („She Sang Hymns out of Tune“), bluesigen Barjazz, der auch von Randy Newman sein könnte („Too Much Pride“), und krachenden, zuversichtlich groovenden Schweinerock („No, Thank You“). Das alles ist von Henley selbst und seinem Co-Produzenten, dem alten Tom-Petty-Schlagzeuger Stan Lynch, auf einen glasklaren Klang hin getrimmt und absolut makellos eingespielt. Henley überlässt nichts dem Zufall, und man kann sicher sein, dass er an den Einsatz auch des unscheinbarsten Hintergrundgesangs und einer Pedal-Steel-Linie die gleiche Sorgfalt verwendet wie an den seiner eigenen Stimme, die immer noch dieses ganz sanft schneidende Timbre und es nicht nötig hat, rockerhaft aufzutrumpfen.

          Nichts an dieser Musik ist neu; der Reiz dieses trotzdem erstaunlichen Albums liegt in der geringfügigen Abwandlung vertrauter Klänge und Melodien. Manchmal meint man den alten „Tequila Sunrise“ (1973) zu schmecken oder in die „Lyin’ Eyes“ (1975) zu starren - Effekte, die sicher beabsichtigt sind. Wie sagte Henley einmal? „Manchmal glaube ich, dass ich einer der wenigen vernünftigen Menschen auf dem ganzen Erdball bin.“ Das könnte stimmen.

          Weitere Themen

          „Azor“ Video-Seite öffnen

          Trailer (OmU) : „Azor“

          „Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

          Topmeldungen

          Ein Plakat der der Initiative „Ja zum Verhüllungsverbot“ in Oberdorf im Kanton Nidwalden

          Mehrheit bei Volksabstimmung : Die Burka wird in der Schweiz verboten

          Die Schweizer haben mit knapper Mehrheit für ein Verhüllungsverbot gestimmt. Damit wird es Musliminnen künftig verboten sein, in der Öffentlichkeit Burka und Niqab zu tragen. Islamische Verbände warnen vor Zunahme der Gewalt gegen Muslime.

          Münchner Sieg über BVB : Die Bayern stehen immer wieder auf

          Die Münchner bleiben sich treu, liegen auch gegen den BVB zurück und gewinnen wie selbstverständlich. Sie zeigen mal wieder Mentalität, Moral und Willen. Es ist ein Spiegelbild der Saison.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.