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Album der Woche : Der letzte vernünftige Schlagzeuger

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Solche Knaller gibt es jetzt nicht mehr; nicht, weil Henley es nicht mehr könnte - einmal, in „Take a Picture of This“, streckt er seine kommerziellen Krallen ja auch aus -, sondern, weil er es gar nicht mehr will. Es ist immer Vorsicht geboten, wenn Musiker betonen, wie viel Spaß ihnen die Arbeit gemacht habe; aber diesmal, im Studio von Nashville, muss es wirklich so gewesen sein, auch wenn man sich Don Henley nach wie vor nicht lachend vorstellen kann - er ist mehr der Typ „Sofort aufhören, ich mag keinen Klamauk!“.

Es ist ein Wunder, dass dieser ernste, zurückgezogen lebende Texaner überhaupt noch eine Platte gemacht hat. Das hat auch vertragliche Gründe, und ein Album ist er Capitol Records sogar noch schuldig. Wenn es wieder so lange dauern sollte, dann wäre er bei der nächsten Plattenbesprechung 83. Aber wie dichtete der Meister damals so treffend? „You can check out any time you like, but you can never leave“ - ewig kreisen die Adler am Himmel, mal zusammen, mal vereinzelt, wobei Joe Walsh seine Sache zuletzt mit Abstand am besten machte, während Glenn Frey und Timothy B. Schmit nur Langeweile verbreiteten.

Das hat Don Henley nie getan, dafür ist er nicht nur ein zu profunder, sondern auch ein zu geschmackssicherer Musiker, der auch weiß, wovon er lieber die Finger lassen sollte, zum Beispiel von diesem American-Songbook-Schubiduh, an dem sich zuletzt ja sogar Dylan vergriffen hat. Henley sattelt immer dieselben Pferde und kommt damit weit genug. So ist denn die größte Überraschung das Personal, das er ins Studio einbestellt hat: Mick Jagger - man glaubt erst, sich zu verhören - assistiert beim Auftaktlied „Bramble Rose“ von Tift Merritt - ein schönes, scheu innehaltendes Lied, das Henley mit seinem behutsamen, nur ganz leicht raspelnden Organ ohne weiteres in den Griff bekommt, auch wenn man sich fragt, warum Jagger dabei nun unbedingt diese eine Strophe herausjammern musste - vermutlich wollte Henley, der fast unnormal zurückgezogen lebt, damit nur beweisen, auf wie vertrautem Fuße er immer noch mit dem kompletten Rock-Adel steht. Dazu gehören zweifellos auch Dolly Parton, mit der er verblüffend reinen Country intoniert, und Merle Haggard, der auf der Mandolinenweise „The Cost of Living“ auch keineswegs stört. Als weitere Fremdkomposition hat Henley den unwiderstehlichen Jesse-Winchester-Schunkler „The Brand New Tennessee Waltz“ gewählt, wobei er die Anmut des Originals nicht erreicht.

Bild: Universal

Er selbst hat sich hier wieder ein Repertoire zusammenkomponiert, das über jeden Zweifel erhaben ist, überwiegend ruhige Nummern, eine Folkminiatur („She Sang Hymns out of Tune“), bluesigen Barjazz, der auch von Randy Newman sein könnte („Too Much Pride“), und krachenden, zuversichtlich groovenden Schweinerock („No, Thank You“). Das alles ist von Henley selbst und seinem Co-Produzenten, dem alten Tom-Petty-Schlagzeuger Stan Lynch, auf einen glasklaren Klang hin getrimmt und absolut makellos eingespielt. Henley überlässt nichts dem Zufall, und man kann sicher sein, dass er an den Einsatz auch des unscheinbarsten Hintergrundgesangs und einer Pedal-Steel-Linie die gleiche Sorgfalt verwendet wie an den seiner eigenen Stimme, die immer noch dieses ganz sanft schneidende Timbre und es nicht nötig hat, rockerhaft aufzutrumpfen.

Nichts an dieser Musik ist neu; der Reiz dieses trotzdem erstaunlichen Albums liegt in der geringfügigen Abwandlung vertrauter Klänge und Melodien. Manchmal meint man den alten „Tequila Sunrise“ (1973) zu schmecken oder in die „Lyin’ Eyes“ (1975) zu starren - Effekte, die sicher beabsichtigt sind. Wie sagte Henley einmal? „Manchmal glaube ich, dass ich einer der wenigen vernünftigen Menschen auf dem ganzen Erdball bin.“ Das könnte stimmen.

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