https://www.faz.net/-gsd-8ncf2

Album der Woche : Das hörste der Gefühle

Dass ich eins und doppelt bin: Kerstin (links) und Sandra Grether sind Doctorella Bild: Bohemian Strawberry

Die Früchte der Furchtlosigkeit ergeben den reichsten Salat: Auf dem zweiten Album der Berliner Band Doctorella kann man Empfindungen erleben, die den Ohren ganz neue Ideen einflüstern.

          3 Min.

          Schöne Melodien sind wie essbare Wildpflanzen: Mann fühlt sich immer ein bisschen schäfchenbrav oder kuhdumm, wenn man glücklich darauf herumkaut. Denn das schlechte Gewissen des Menschenherzens, das von sich weiß, dass es eigentlich ein skrupelloser Fleischfresser ist, verdächtigt sich der Heuchelei, wenn es den süßsauren Saft aus scheinbar naturwüchsigen Stimmungen saugt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon auf dem Debütalbum „Drogen und Psychologen“ (2012) hat die Band Doctorella die zahlreichen Momente, in denen man gern ins weiche, schmackhafte Gras beißt, dadurch verfeinert, dass das Gehör die emotionalen Angebote nicht einfach aus dem musikalischen Nährboden rupfen und zahm abgrasen konnte, sondern sie beim Hören gleichsam zubereiten musste wie einen mischungstechnisch fordernden Salat (akustischer Veganismus kann ziemlich bissig sein). Wer nicht achtgibt, verpasst die Gelegenheit, sich in diesen Seelenbädern zu verlieren - paradox eigentlich, aber extrem wirkungsvoll: Nur wer mitdenkt, wird beim Doctorellahören den Kopf los.

          „Ich will alles von dir wissen“

          Fragt sich also, wie das gemacht ist - wie kriegen die das zum Beispiel auch auf der neuen Platte, „Ich will alles von dir wissen“, wieder hin, dass nicht nur die Chöre selbst bei ganz verschiedenen Stimmlagen der einzelnen Chorfarben gänzlich textergeben einstimmig klingen, sondern komplementär dazu die Solistin am Mikrofon seltsamerweise immer wieder mehrstimmig wirkt, etwa wenn die Versperle „Du bist der Revolutionär / und manchmal auch der kleine Bär“ einerseits so klar wie bei einer Nachrichtensprecherin artikuliert, andererseits aber auch zu „und monchmol auch der kloinö Böah“ verwandelt wird?

          Der (in Ermangelung emanzipierterer Fachbegriffe) mädchenhaft harmonische Chor lässt sich ja zur Not noch als gegen sein eigenes Konstruktionsprinzip gebrauchtes Instrument verstehen, ein Effekt wie bei der vollen Verschiebung aufs linke Pedal beim Klavierspiel oder beim Anschlagen einer einzigen Saite auf der Gitarre. Aber wie soll das Ohr begreifen, dass die Sängerinnen Kerstin und Sandra Grether, jede für sich und beide für eine für alle, sich nicht spalten müssen, um über die ganze mal schwebende, mal tauchende und mal flanierende Reise dieser Platte gleichzeitig einerseits ohne Vorbehalt im ungeschützt Liedhaften unterwegs zu bleiben und andererseits einen nonchalanten Abstand zur Gutgläubigkeit der Songlogik an sich selbst zu halten? Süß, aber herb, also fruchtig: Das neue, selbstgegründete Label der beiden, das sich der feministischen Klangforschung verschrieben hat, heißt „Bohemian Strawberry“ - wer das nicht versteht, muss den Abwasch machen, den Müll runterbringen und den Klodeckel desinfizieren, dann hören wir weiter.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kanzlerkandidatin Baerbock : Grünes Meisterstück

          Mit der geräuschlosen Kür von Annalena Baerbock zur ersten Kanzlerkandidatin der Grünen hat die Parteiführung ihr Meisterstück abgeliefert. So viel Harmonie war nie – aber auch noch nie so viel Wille zur Macht.
          Drei Mitarbeiter des Ordnungsamts stehen auf dem Bahnhofsvorplatz in Hagen, wo bereits eine Ausgangssperre gilt.

          Corona-Liveblog : Ausgangssperre soll erst um 22 Uhr beginnen

          Schulschließungen ab Inzidenz von 165 +++ China testet Impfstoff-Kombination +++ Politiker wollen öfter Schulunterricht draußen abhalten +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.