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Album der Woche : Das hörste der Gefühle

„Der Akkordeonist spielt eh nur Mist“: Doctorella können es sich leisten, über Musik zu spotten, die nicht mehr will, als von coolen Jungs virtuos zurechtgefummelt zu sein; bei ihnen gibt’s was Besseres als den Stumpfsinn der Pose, zum Beispiel beim Einbetten der Stimme ins Zusammenspiel der Band - ein ganz magisches, sowohl rasches wie sanftes Wiederholen von Einzeltönen, gespielten wie gesungenen. Man denkt an die Harfe, auf der Schlumpfine spielt, wenn sie bei Mondschein darüber nachdenkt, dass es manchmal schon nervt, wie oft und hartnäckig es im Post-Rock-’n’-Roll-Leben von Schlumpfdorf um die Aufschneidereien und Unsicherheiten der vielen Schlumpfjungs geht, die zwar alle extrem einzigartig, originell und unverwechselbar sind, sich aber dann doch recht geschlossen so verhalten, als wäre es ihnen ganz recht, dass in ihrem Spielrevier nicht allzu viele Mädchen mitmachen.

Wo sich „Knie“ auf „Selfie“ reimt

Bei Doctorella machen dafür umgekehrt durchaus Jungs mit - Sascha Rohrberg an diversen Gitarren, die manchmal fabelhaft pfeifen, Fabrizio Steinbach, dessen Bass in den stärksten Momenten klingt wie eine hüpfende Wasserbombe, die nie platzen, aber auch nie zur Ruhe kommen wird, Flavio Steinbach an einem Schlagzeug, das auf „Du bist immer noch mein Idol“ die Zeit mit höflichstem Ticktack dazu verführt, hurtiger zu vergehen, als selbst die Bläser erwartet hätten, die darüber in einem Kreistanz kleiner Quakfrösche staunen, der so putzig wie unterschwellig bedrohlich ist - man lege noch die Synthesizer von Harrison Silverfox dazu, ein paar Gaststimmen, ein paar undefinierbare Fußnotengeräusche, diverse Song-Auftakt-Einfälle, die einerseits wie in Bronze gegossen, andererseits spielkindlebendig verziert sind, und man findet sich in einer Welt wieder, in der ein Stück namens „Heißluftballon“ die neue Musikrichtung „Flattergospel“ einläuten kann oder sich das Wort „Knie“ auf das Wort „Selfie“ reimt, ohne dass eins von beiden sich schämen müsste. Überhaupt diese Reime - „Liebeslieder“ zum Beispiel hört man „niemals wieder“; Sprache kann manchmal eben doch fast so stark stimmen wie Rechnen, textlich wie musikalisch, von den Parolen bis zum Arrangement.

Als subjektiven Gipfel erlebt der Rezensent das Stück „Die Ungeheuer mit den sauberen Händen“, ein mit beeindruckender Selbstbeherrschung am Umkippen gehindertes körperliches Mitschwingen aller Musiknerven mit dem Moment, in dem man die Zudringlichkeit eines lügenhaften Angebots von sich wegschubst: Nein danke, du Idiot, ich brauche deine Zweitstimme in meinem Lebenslied nicht. Das ist teils kühle Durchsage, teils heißer Drachenatem, teils Grenadiermarsch, teils Indianertrommel - „ihre Hände haben kein Herz, und ihr Herz hat keine Hände“ -, übrigens, haben Sie schon einmal den gewählten neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten dabei beobachtet, wie er seine Sprüche mit kaputten Gesten unterstreicht?

„Ich will alles von dir wissen“ sollte man in der letzten nächtlichen S-Bahn hören, die auf der Schiene so beklommen knirscht, dass man meint, sie schäme sich dafür, wie müde die Menschen in ihren Abteilen immer aussehen.

Der alltagsmedizinische Gebrauchswert der Platte liegt auf der Hand; Sie wirkt entzündungshemmend, quatschlösend und kann bedenkenlos gegen Lügenbefall und Selbstzweifelpilz eingesetzt werden.

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