https://www.faz.net/-gsd-7kyda

Album der Woche: Billie Joe + Norah : Ehrt mir die alten Meister!

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Down in the Willow Garden“ Bild: AP Photo/Warner Bros. Records, Marina Chavez

Kann man eine der besten Platten aller Zeiten noch besser machen? Billie Joe Armstrong und Norah Jones haben es mit „Songs Our Daddy Taught Us“ von den Everly Brothers ausprobiert.

          2 Min.

          Manche Platten, die heute einen legendären Ruf genießen, sind zufällig entstanden. So war es auch bei „Songs Our Daddy Taught Us“ von den Everly Brothers, einer Platte, die bei ihrem Erscheinen 1958 das Folk-Revival der frühen sechziger Jahre vorweggenommen hat. Eigentlich waren die Everly Brothers Stars des Rock ’n’ Roll, aber sie schuldeten ihrer damaligen Plattenfirma Cadence Records noch ein Album und beschlossen, statt eine weitere Platte mit Rock ’n’ Roll-Songs aufzunehmen, zwölf uralte Songs in spartanischen Arrangements einzusingen, die sie von ihrem Vater, dem Countrymusiker und versierten Fingerpicking-Gitarristen Ike Everly, gelernt hatten.

          Der Hintergedanke, den die Brüder hegten: Sie wollten nicht, dass man von dem Album eine Single auskoppeln konnte - die zwölf leicht esoterischen Lieder hielten sie für nicht hitparadentauglich.

          Mit schmeichelnden Stimmen

          Mittlerweile gilt die Platte nicht nur als Meilenstein im Werk der Everly Brothers, sondern sogar als eine der besten aller Zeiten. Lieder wie „Roving Gambler“, „Barbara Allen“ oder „I’m Just Here to Get My Baby out of Jail“ sind dutzendfach wieder interpretiert worden. Fünfundfünfzig Jahre nach Erscheinen haben die Grammy-Abräumerin Norah Jones und Billie Joe Armstrong von der Punkrockband Green Day das komplette Album unter dem Namen „Foreverly“ neu eingespielt.

          Im Gegensatz zum Originalalbum klingt die neue Fassung wesentlich einschmeichelnder. Jones und Armstrong haben eine kleine Band mit Schlagzeug im Gepäck, ihr Harmoniegesang ist wesentlich weicher und bei weitem nicht so schneidend und elektrisierend wie der von Don und Phil Everly. Im Gegensatz zum üblichen Harmoniegesang, bei dem die Sänger verschiedene Stimmen singen, singen die Everly Brothers meistens die gleiche Stimme, nur um eine Terz verschoben; das beste Beispiel ist ihre berühmte Single „Devoted to You“.

          Ein entzückendes Gitarrensolo

          Das ergibt einen eigentümlichen Effekt: Auf den ungeübten Hörer wirken die beiden Stimmen leicht atonal und dadurch besonders einprägsam. Der Unterschied ist aber in Wirklichkeit ein anderer: Während man im üblichen Harmoniegesang die Stimmen lieber nicht isolieren sollte - sie sind in sich selbst meistens gar nicht melodisch -, kann man das bei den Everly Brothers problemlos tun.

          Sowohl Dons als auch Phils Gesangslinie klingen lieblich und können problemlos für sich selbst stehen - der melodische Reiz bleibt intakt. Das belegt eigentlich nur ein weiteres Mal den unsterblichen Charakter dieser Lieder. „Long Time Gone“ bezirzt den Hörer mit einem schlichten, aber eindrücklichen Gitarrensolo und „Who’s Gonna Shoe Your Pretty Little Feet?“ klingt entzückend.

          Die verdienstvolle Firma Bear Family Records aus Niedersachsen hat die Gunst der Stunde genutzt und das Original der Everly Brothers ebenfalls wieder auf den Markt gebracht. Wie es sich für die Spezialisten für unglaubliche Ausgrabungen gehört, haben sie gleich eine zweite CD angefügt, auf der sich die Fassungen dieser Lieder befinden, die Ike Everly gehört haben könnte. Das heißt, dass wir „Down in the Willow Garden“ gleich zweimal hören: einmal in der Fassung von G. B. Grayson und Henry Whitter von 1927 und einmal in der Version von Charlie Monroe, die zwanzig Jahre später entstanden ist. Man kann diesem Song und allen anderen also durch ein knappes Jahrhundert folgen.

          Traditionelle Musikrichtungen wie Blues, Folk, Western Swing, Bluegrass und Country folgen in buntem Wechsel. „Barbara Allen“, das auch Bob Dylan gern gesungen hat, wird gar von Samuel Pepys in dessen berühmtem Tagebuch am 2. Januar 1666 zum ersten Mal erwähnt. Bear Family hat neben der konventionellen Country-Version von Merle Travis eine Fassung dieses Liedes ausfindig gemacht, das John Jacob Niles 1939 zu Dulcimer-Begleitung eingesungen hat, ein Liedersammler und -sänger, der ein frühes Vorbild von Joan Baez war und heute nur noch absoluten Spezialisten ein Begriff sein dürfte. Zusammen ergeben die beiden CDs ein faszinierendes Kompendium amerikanischen Liedgutes.

          Weitere Themen

          Googles KI gewinnt

          Wohin geht der Journalismus? : Googles KI gewinnt

          Eine Kölner Konferenz über die Zukunft des Journalismus zeigt, dass noch nicht alle den Kampf gegen die Digital-Oligopolisten aufgegeben haben. Eine SPD-Politikerin allerdings schon.

          Topmeldungen

          Langer Winter: Zwei Polizisten am Mittwoch auf dem Roten Platz in Moskau

          Repressionen in Russland : In der Krise wächst die Paranoia

          Corona, eine schwache Wirtschaft und Proteste: Wladimir Putins Machtapparat sieht sich in Russland vielen Krisen ausgesetzt. Und erhöht deswegen den Druck auf Opposition und Zivilgesellschaft.
          Maye Musk ist die Mutter des Unternehmers Elon Musk. Am Donnerstag erscheint ihre Autobiographie „Eine Frau, ein Plan“.

          Maye Musk : „In unserer Familie nimmt niemand frei“

          Wer Elon Musk verstehen möchte, muss seine Mutter Maye kennen lernen. Im Interview spricht sie über Abenteuertouren in der Wüste, ihre Modelkarriere mit 70 und wie sie einst aus Armut auf Dates verzichtete.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.