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Album der Woche: Bad Gastein : Diese Peinlichkeit leiste ich mir

  • -Aktualisiert am

Friedrich Liechtenstein ist selbst überwältigt von seinem überraschenden Erfolg: ein Gespräch über Falco, Barry White und das Konzept seines nun auf CD veröffentlichten Albums „Bad Gastein“.

          3 Min.

          Herr Liechtenstein, Anfang des Jahres sind Sie im Fahrstuhl der Aufmerksamkeit durch den „Supergeil“-Werbespot nach ganz oben gefahren. Jetzt singen Sie von einem „Elevator Man“. Muss es irgendwann auch wieder runtergehen?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese mediale Wolke wird natürlich irgendwann wieder verschwinden. Aber es ist schon erstaunlich, wie lange sie nun schon da ist: Im Februar hätte ich nicht geglaubt, dass es so lange so gut läuft. Wobei ich den Erfolg des Werbespots ja nicht so sehr als meinen eigenen sehe. Jetzt ist es an mir, die Sache wieder in meine Richtung zu lenken und vielleicht am Ende des Tages auf halber Flughöhe weiter meine Existenz zu bestreiten.

          Das Album „Bad Gastein“ hatten Sie schon im Kasten, bevor die große Popularität kam.

          Hätte ich zu dem Zeitpunkt erst damit angefangen, wäre daraus nichts geworden.

          Woher die Faszination für den Ort Bad Gastein? Man konnte zuletzt viel über dessen angebliche Morbidität lesen, aber auch, dass Sie ihn wirklich mögen.

          Es ist beides. Es gibt die Technik, dass man sich etwas Morbides sucht, um dabei umso glanzvoller auszusehen. Gastein kommt mir vor wie ein merkwürdiger Ort für Geschichten zwischen Kleingeist und Größenwahn - dann auch noch komprimiert in der Vertikalen. Berlin geht in die Breite. Gastein geht in die Höhe. Es hieß auch mal „Wolkenkratzerdorf“.

          Ist das ein Konzeptalbum?

          Ja, finde ich schon. Manche sagten ja, es sei so verwirrend. Für mich ist das eine stringente Story: Ich komme da hin, werde erst mal mit dem Eurotrash von Skihüttenmusik konfrontiert, den man vielleicht im Winter dort hört. Das spiegelt sich in dem Stück „Goldberg & Hirsch“. Dann beginnt eine melancholische Reise mit einer Geliebten ums Badeschloss herum. Und innerhalb dieser Geschichte gehe ich dann runter in die leere Bar und singe drei Songs von anderen Leuten, die mir sehr gut gefallen. Da verneige ich mich dann vor den Croonern solcher Bars.

          Ein ganz eigenes Lied ist das zehnminütige „Belgique, Belgique“: ein seltsames Stück Rollenlyrik, das mit rauchiger Stimme gesprochen wird von einem alten Fremdenlegionär, während der Refrain nach den achtziger Jahren klingt.

          Ich habe versucht, gewisse Schwingungen und Gespräche aus den Hotelbars aufzugreifen: Das ist so ein großsprecherischer, toller Typ, der ganz gut drauf ist, der einmal sehr gut aussah - und am Ende Go-go-Dancer ist, scharf an der Altershomosexualität vorbeigesurft.

          Bestimmte Einflüsse sind unverkennbar, Falco zum Beispiel.

          Falco mag ich wirklich sehr. Das war ein genialer, größenwahnsinniger Künstler mit swag und das auf eine so liebenswerte Art, dass es ihm niemand übelnahm. Der hat so kühne Sachen gemacht wie „Jeanny“: Kein Mensch der Welt darf so etwas singen, aber er durfte das. Er hatte Nummer-eins-Hits in Amerika, war sehr geschickt im Umgang mit Deutsch und Englisch und war übrigens auch in Bad Gastein. Ich sehe mich nicht direkt auf seinen Fersen, habe aber die witzige Vorstellung, dass in seinem Video zu „Der Kommissar“ plötzlich ich um die Ecke komme und „Komm-iss-ar d’Amour“ singe.

          Mit diesem Lied ist man dann bei Barry White, von dem Sie vielleicht die tiefe Parlandostimme geliehen haben?

          Diese Stimme hat einfach auch immer bei meinen Auftritten gut funktioniert und für Heiterkeit gesorgt. Aber ja, Barry White liebe ich auch sehr. Das ist fast peinlich, manche sagen ja: „Der mit seinen Schmuseliedern“, aber ich leiste mir diese Peinlichkeit.

          Hat das Album auch literarische Vorbilder? Bei einem Stichwort wie „Badeschloss“ könnte man sich das vorstellen.

          Der Text ist schon in den frühen Neunzigern entstanden, in meiner Schauspielzeit. Da haben wir zum Beispiel auch in Milch gebadet und in Stuttgart auf der Bühne den ganzen Boden mit Milch überflutet. Diesen Text habe ich dann auf das Badeschloss in Gastein übertragen.

          Sie haben wirklich schon in Milch gebadet? Kam daher die Idee für das „Supergeil“-Video?

          Nein, die kam von den anderen. Die haben sich wohl einfach gedacht: Das sieht jetzt gut aus, wenn der dicke Mann in Milch schwimmt.

          Das Ende mit dem Lied „Take it With Me“ von Tom Waits ist tieftraurig.

          Ja, es ist sogar grausam. In einem Haus ist eine Frau, und in der Frau ist ein Herz, das man rausreißen und mitnehmen will. Slavoj Žižek hat ja auch mal gesagt, dass Liebende grausame Menschen sind. Liebe ist nach wie vor sehr gefährlich. Man kann daran zugrunde gehen, wenn man schlechtes Timing hat.

          Die Fragen stellte Jan Wiele.

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