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Album der Woche : Auf der Tanzfläche mit Sylvia Plath

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Nobody’s Empire“ Bild: Matador/Beggars Group

Stolpernde Schönheit: Die Gruppe Belle and Sebastian spielt wieder mal mit Versatzstücken der Popgeschichte. Nun weiß man auch, warum Sänger Stuart Murdoch gern Mitglied bei ABBA gewesen wäre.

          3 Min.

          So manch eine Augenbraue alter Fans wird sich beim ersten Hören von Belle and Sebastians neuntem Studioalbum vermutlich sorgenvoll heben. Die Klaviermelodie, die da zu Beginn aus den Boxen rieselt, über wabernde Keyboardsounds und einen simplen Beat gespielt, könnte ebensogut am Anfang der nächsten Bombast-Hymne von Coldplay stehen. Zum Glück für den Hörer erklingt nach kurzer Zeit die sanfte Stimme von Frontmann Stuart Murdoch und zerstreut die Befürchtungen, gleich von einer Zentnerladung Pathos erdrückt zu werden. Stattdessen tut der Sänger das, was er am besten kann: mit Charme und Witz eine intime Geschichte erzählen.

          „Nobody’s Empire“ handelt von Murdochs Kampf mit dem Chronischen Erschöpfungssyndrom, an dem er im Alter von neunzehn erkrankte und das ihn für Jahre ans Bett fesselte. Ein Rückfall während der kürzlich abgeschlossenen Arbeit am Musical-Film „God Help the Girl“ gab den Anstoß, zum ersten Mal einen Song über die qualvolle Zeit zu schreiben, an deren Ende damals jedoch die Gründung der Band stand. „Nobody’s Empire“ ist somit auch kein Trauerstück, sondern hat alle Ingredienzen, die Belle and Sebastians Indiepop so liebenswert machen: heiter-beschwingte Melodien, eine abwechslungsreiche Instrumentierung (Flöte, Trompete, ein Gospelchor) und Texte, die vom unablässigen Pendeln zwischen Hoffnung und Zweifel, Glück und Scheitern handeln, mit Betonung auf Letzterem. „There’s beauty in every stumble“ - diese Zeile könnte emblematisch für das Gesamtwerk der Band aus Glasgow stehen. „Allie“, die irrlichternde Protagonistin des gleichnamigen zweiten Songs, ist eine dieser Außenseiterinnen, der man im Belle-and-Sebastian-Universum schon oft begegnet ist.

          Dennoch liegt man mit dem Gedanken an Coldplay nicht ganz falsch. Denn ähnlich wie ihre britischen Kollegen haben Belle and Sebastian die Tanzfläche für sich entdeckt. „The Party Line“ entledigt sich mit stampfenden Beat, Zappel-Gitarre und Synthie-Sounds der Achtziger aller vornehmen Schüchternheit und teilt uns mit, dass wir tanzend nur noch aus Körper bestehen. Noch weiter wagt sich das anstachelnde „Enter Sylvia Plath“. Hier entert die Band nicht etwa mit der amerikanischen Dichterin, sondern mit den Pet Shop Boys und Ultravox den Dancefloor. Sogar Modern Talking könnte man als Referenz anführen. „The Everlasting Muse“ kommt zunächst geheimnisvoll-kühl daher, um dann unvermittelt in eine Art irischen Folksong umzukippen.

          Unterhaltsamer Eklektizismus

          Und „Play For Today“, ein Duett mit Dee Dee Penny von den Dum-Dum-Girls, verbindet Calypso-Klänge mit flimmerndem Elektro, gegen Ende führt afrikanisch anmutender Hintergrundgesang den Song „up the mountain“. Überhaupt steigern sich viele der zwölf Stücke zum Schluss auf imposante Weise, die teils sehr unterschiedlichen Segmente und Sounds werden zusammengeführt und bilden ein harmonisches, manchmal gar triumphales Ganzes. Stuart Murdoch ist ohne Frage ein begnadeter Songschreiber, dem seine Muse diesmal aber mehr denn je eingeflüstert hat: „Be popular, play pop / And you will win my love“.

          Tatsächlich gab Murdoch vor kurzem in einem Interview mit dem „Guardian“ augenzwinkernd zu bekennen, dass er gerne Mitglied von ABBA gewesen wäre, seine Band aber leider nur den etwas obskuren Status von The Grateful Dead erreicht hätte. Nach Hören des neuen Albums muss man zu dem Schluss gelangen, dass diese Koketterie wohl nur zum Teil scherzhaft gemeint war. Unter den Produzentenhänden von Ben H. Allen, der unter anderem für Platten von Animal Collective und Gnarls Barkley verantwortlich zeichnet, ist mit „Girls in Peacetime Want To Dance“ ein Disko- und Synthpop-Album entstanden, das sicherlich auch den Mitgliedern der schwedischen Hitfabrik gefallen hätte. Zwar finden sich auch drei ruhigere Songs, von denen vor allem „Ever Had A Little Faith“ an die verträumte Melancholie vergangener Tage erinnert. Abgesehen davon groovt und sirrt es auf der neuen Platte gewaltig. Trotzdem reicht das neue Album der Schotten nicht ganz an alte Glanztaten wie das düstere „If You’re Feeling Sinister“ und das vergnügte „Dear Catastrophe Waitress“ heran. Bei aller Virtuosität vermisst man das Gefühl, dass es hier wirklich ums Ganze geht, dass es sich dabei nicht nur um Spielerei mit Versatzstücken handelt. Die neue Souveränität geht einher mit einem Verlust an existentieller Dringlichkeit, auch das Thema Krieg und Frieden wird nur oberflächlich gestreift. Zudem: Wirklich neue Sounds bekommt man nicht zu hören, vielmehr bedienen sich Murdoch und Kollegen lustvoll aus dem Katalog der Popgeschichte, mit besonderer Vorliebe für das Angebot der Achtziger, und das auch sehr gekonnt. Dennoch bewegt sich die Band ab und an im Bereich des Epigonalen, teils sogar in der Nähe von Camp. Und so ist „Girls in Peacetime Want To Dance“ ein unterhaltsam-eklektizistisches Album, aber leider kein neues Meisterwerk.

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