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Album der Woche: Wanda : „Amore“ liegt in der Luft

  • -Aktualisiert am

Bild: Flo Senekowitsch/Wolfgang Seehofer

Vorbildliches Leiden: Die österreichische Band Wanda verbindet altwienerische Morbidität mit Punkrock. Da säuft man statt Schnaps auch schon mal einen Pistolenlauf.

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          „Weil du weiße Zähne hast, obwohl du ständig rauchst, ist der Thomas in dich verliebt und ich auch“. Die Gitarre kreischt, der Sänger grölt auf Wienerisch, das Schlagzeug klingt wie ein betrunkener Raufbold. Und auch wenn einige der Zeilen weder politisch korrekt noch jugendfrei sind, kann man sich ihrem Charme nicht entziehen.

          Das Debütalbum von Wanda klingt nach Prügelei und dem Gestank von ausgedünstetem Alkohol. Fast schon überwiegt das Leid die Leidenschaft bei diesen jungen Wilden aus Wien, die es im Lied noch weiter nach Süden zieht: Da windet sich im Musikvideo zu „Bologna“ ein langes Gitarrensolo schmachtend über der Silhouette der italienischen Stadt und Schinken hängt im Schaufenster. Marco Michael Wanda singt von seiner Tante Ceccarelli, die in Italien „Amore“ gemacht hat. Nie singt er von „Liebe“. Ist ihm das Wort im Deutschen zu bedeutungsschwanger?

          Entgegen der zeitgenössischen Tendenz frönen die Jungs eher dem ungesunden Lebensstil. „Stehengelassene Weinflaschen“ sind da noch das kleinste Problem. Aufbrausend wird sogar  geschrien: „Tu mir weh, Luzia“. Man könnte diese Gesten überzogen finden. Doch der Schmäh passt gut zu den rauhbeinigen Gitarrenriffs.

          „Es ist egal ob die Jelinek in der Zeitung steht oder im Regal“, singen sie, und man kann nicht sicher sein, ob es sich hier um die Schriftstellerin oder um tschechischen Slivovitz handelt. Das Ungesunde steigert sich übermütig in eine wienerische Morbidität.  Da säuft man dann auf einmal keinen Schnaps mehr, sondern gleich einen Pistolenlauf. So umarmt Wanda nicht nur Leid und Liebeskummer, sondern auch eine falcoeske Zuneigung zum Tod. Schließlich wusste schon Georg Kreisler: „Der Tod, das muss ein Wiener sein“. Es mag vielleicht nicht viel mehr hinter diesen großen Gesten stecken, doch gerade sie machen den Reiz der Band aus.

          Der Austropop bricht sich Bahn

          Kurioserweise bricht sich der Austropop dann gerade bei dem Lied „Kairo Downtown“  Bahn und man könnte meinen, Falco sei wieder unter den Lebenden. Schließlich sei er eine „wichtige spirituelle Figur für jeden Wiener Musiker“ wie Marco Michael Wanda in einem Interview sagte. Dennoch sehe sich die Band eher in der Tradition von Rio Reiser und Ton Steine Scherben, krächzig und undeutlich. Und wolle auf der Bühne wie The Doors ihre Leidenschaft auf das Publikum übertragen. Ansonsten sprechen alle nur von „Wiens The Clash“.

          Ein weiteres Vorbild ist nicht musikalischer Natur: die Namensgeberin Wanda Kuchwalek. Sie wurde in den Siebzigern als „wilde Wanda“ bekannt und ist Wiens einzige namhafte weibliche Zuhälterin. Als Gestalt der Unterwelt ist sie verwegene Kultfigur.

          Das Pathos darf am Ende triumphieren. Auf „Amore“ sind alle Songs in einem Zug durchgesungen, alles ist ein Take. Die Musik ist hier nicht perfekt konstruiert, nicht glattgebügelt. Und manchmal hat man am nächsten Tag einen Kater davon.

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