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Album der Woche: Alt-J : Amerikanischen Truckern gefällt das auch

Hörprobe: „Left Hand Free“ Bild: Gabriel Green

Ihr Debüt „An Awesome Wave“ machte die britische Kunststudenten-Popband Alt-J schlagartig berühmt. Mit „This is All Yours“ experimentiert sie nun gewitzt zwischen Rock und Electronica.

          Es gibt unter Studenten das Sprichwort: „Wenn Musik erstmal in einem Einkaufszentrum im Hintergrund läuft, kann man sie nicht mehr ernst nehmen“. Das erste Album der britischen Independent-Pop-Band Alt-J, „An Awesome Wave“, läuft in den Innenstädten rauf und runter, glücklicherweise haben sie jetzt aber ein zweites veröffentlicht. Es heißt „This is All Yours“, und nach allem, was man hört, wird es bisher weder in irgendwelchen Modetempeln noch Fahrstühlen abgespielt. Man kann die Anlage also aufdrehen und guten Gewissens genießen.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Vorher sollte man allerdings wissen, dass die Band aus Leeds, die sich seit ihrer Gründung 2007 aus drei ehemaligen Kunst-  und einem Literaturstudenten zusammensetzte und deshalb immer einen Hauch altehrwürdiger Kulturbeflissenheit verströmte, einen Abgang zu verzeichnen hat: Bassist Gwil Sainsbury verließ Alt-J Anfang des Jahres. Bei Twitter hieß es, Sainsbury habe persönliche Gründe, man bleibe in Freundschaft verbunden. Sainsbury war zwar das unbekannteste Mitglied von Alt-J, was den „Guardian“ dazu verleitete, sein Ausscheiden als einen der „erschütterndsten unwichtigen Momente in der Geschichte“ zu bezeichnen. Immerhin aber befand man sich damals gerade mitten in der Vorbereitung zu „This is All Yours“. Deshalb kamen zwei Fragen auf: Würde das den Sound verändern? Würde das den Sound zum Schlechteren verändern?

          Die Antworten lauten: Ja und nein. Ja, der Sound klingt anders, nein, auf keinen Fall schlechter. Den Ausfall ihres Bassmanns haben „Alt-J“ ersetzt durch eine mächtige elektronische Bassline. Am eindrucksvollsten klingt das bei „Hunger of the Pine“, der ersten Single, die „Alt-J“ im Sommer ausgekoppelt haben. Im Video läuft ein Mann durch den Wald, unter Beschuss von einem Heer an Bogenschützen. Schwer verletzt erreicht er eine Lichtung, übergießt sich mit Benzin und wartet darauf, dass ein Teppich brennender Pfeile auf ihn niedergeht. Das ist die bildliche Entsprechung für einen Song, der ein treibendes Monstrum ist: eine verzerrte E-Gitarre, der hymnische Gesang von Leadsänger Joe Newman, das immer etwas hölzern klingende Schlagzeug, der Beat und das Bläsergetöse verdichten sich zu einem düsteren Spektakel. Irgendwie soll es da um Liebeskummer gehen, haben Alt-J in einem Interview gesagt. Spielt aber keine Rolle: Mit „Hunger of the Pine“ lässt sich jeder Schmerz orchestrieren.

          „This is All Yours“ klingt also dunkel genug, um nicht sofort in Konsumpalästen totgenudelt zu werden, aber es macht trotzdem noch eine Menge gute Laune. Schon „An Awesome Wave“ zeichnete sich durch seine Vielfalt aus, auf ihrem zweiten Album treiben „Alt-J“ sie auf die Spitze. Da ist zum Beispiel „Left Hand Free“, nach eigenen Angaben „der am wenigstens nach Alt-J klingende Song überhaupt“. Angeblich hat die Band ihn nur für den amerikanischen Markt geschrieben, weil man dort der Meinung war, „Hunger of the Pine“ habe nicht das Zeug für einen Hit. Man möchte sich vorstellen, wie die Jungs in einem mit Brokat ausgekleideten Büro in Manhattan saßen, gegenüber ein Herr im Nadelstreifenanzug: „Macht mal was Rockiges!“ So jedenfalls klingt der Song „Left Hand Free“, über den Sänger Newman sagt: „Ich singe da ‚Gee whizz’ und bin mir sicher: Das ist eine Phrase, die ich noch geäußert habe. Amerikanische Trucker finden den Song sicher ansprechend.“

          Das neue Album der Briten changiert zwischen Rock und Electronica. Auch die choralen Gesänge, gewissermaßen die DNA von Alt-J, fehlen darauf nicht. Bei „Warm Foothills“ singen nicht nur alle Bandmitglieder, es pfeift sogar einer. Außerdem singt Solomusiker Conor Oberst im Terzett mit Folksängerin Lianne La Havas und Marita Hackman. „This is all Yours“ hat viele großartige Momente zu bieten. Kaum zu glauben, dass die jetzt alle uns gehören sollen.

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