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Album der Woche : Fliegen mit den Durchgeknallten

  • -Aktualisiert am

Was Jimi Hendrix für die Gitarre, das ist Chris Thile (Mitte) für die Mandoline. Als Bandleader der Punch Brothers stößt er in neues Terrain vor. Bild: Josh Goleman

Sprechgesang, frei nach Eminem: Die Punch Brothers hüpfen auf dem Album „All Ashore“ im Bluegrass-Kostüm über die Grenzen ihres Genres und machen dabei alles richtig.

          Wenn man alles kann, besteht die Gefahr, alles auf einmal zu wollen. Chris Thile kann alles – von Bach bis Radiohead, von Bill Monroe bis Kendrick Lamar. Er ist ein polyglotter Sänger und Mandolinist, der sich in der Folk-Varieté-Radioshow „Live from Here“ (früher „A Prairie Home Companion“), die er seit zwei Jahren moderiert, ebenso wohlfühlt wie in der New Yorker Carnegie Hall, bei der er von Herbst an Artist-in-Residence sein wird.

          Er sei, so die zugehörige Ankündigung, ein musikalischer Allesfresser. Einen gesunden Appetit hat der vierfache Grammy-Gewinner allemal. Bleibt die Frage, was auf dem Teller landet, wenn die Zusammenstellung der Zutaten ihm – und seinen nicht minder begabten Kollegen von den Punch Brothers – selbst obliegt.Sind da zu viele Köche am Werk?

          Fad ist jedenfalls nicht, was die Band auf ihrem neuen Album „All Ashore“ vorgelegt hat. Schon das erste, titelstiftende Stück verwehrt sich jedweder Monothematik. Es beginnt mit einer verspielten Banjo-Melodie, die sich nach einer Weile in eine recht eigen synkopierte Strophe verwandelt (Thiles Mandoline akzentuiert abwechselnd 1, 2 und 4 beziehungsweise 1, 3 und 4), um schließlich in eine andächtige Dreifachharmonie zu münden. Sieben Minuten dauert das Stück, und man möchte hinterher tief durchatmen und es gleich noch einmal hören, um seine bunten Einzelteile erst so richtig zu verstehen. Durchaus lässt sich da von Progressive Bluegrass sprechen, Betonung auf progressive.

          Ohnehin hat sich das 2006 gegründete Quintett von seiner traditionellen Besetzung – Gitarre, Banjo, Kontrabass, Geige und Mandoline – noch nie einengen lassen. Schon auf früheren Platten mischen sich in das vermeintlich schlichte Americana-Gerüst etwa kammermusikartige Passagen und kleine Choralabschnitte. So geht es auf dem neuen, von der Band selbst produzierten Album mit einem verblüffend hybriden Song weiter. Bis zum Mittelteil von „The Angel of Doubt“ singt Thile noch in zurückhaltendem Falsett über den Kampf mit den inneren Dämonen. Dann aber – „It’s 4 a.m. / Our families are sleeping / We’re all alone / Our demons are hissing“ – melden sich diese selbst zu Wort: in Gestalt eines rappenden Chris Thiles. In regelrechter Eminem-Manier trägt er blitzsauber Zeile um Zeile über Selbstzweifel und lebendig begrabene Träume vor – bis das Stück abrupt endet und von einem dezenten Instrumental abgelöst wird.

          Alles Teil des Plans

          Vor einigen Jahren hat die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Sianne Ngai die drei großen ästhetischen Kategorien unserer Zeit beschrieben: „durchgeknallt“ (zany), „niedlich“ (cute) und „interessant“ (interesting). Ohne den Punch Brothers zu bescheinigen, ihre Musik sei nicht interessant, kann man sie als Paradebeispiel für das Durchgeknallte verstehen, dem Ngai die Fähigkeit des rasanten Gestaltenwandels zuordnet. Denn das Prinzip der neun Stücke auf „All Ashore“ ist es, nicht zu lang auf der Stelle zu treten und lieber etwas zu viel als zu wenig anzubieten.

          Fasst der Hörer einmal Fuß, wie im Instrumental „Jungle Bird“, wird ihm sogleich der vollgepackte, aber großartig ausgeführte Song „It’s All Part of the Plan“ hinterhergereicht, der einen Fünfvierteltakt meisterhaft mit Leben füllt. Hier lässt sich wunderbar besagtes Prinzip beobachten: Zunächst stolpert das vier Schläge gewohnte Popmusikohr noch alle paar Schritte und wundert sich, worüber. Lässt es sich auf den Rhythmus ein, fliegt die Musik.

          In einem Youtube-Video erklärt Chris Thile sein eigenes, gleichsam auf „All Ashore“ anwendbares Kunstverständnis: „In Zukunft wird es so viel Genre-Hopping geben, dass es aufhören wird, Genre-Hopping zu sein.“ Dadurch wohnt dem Album mitunter ein Hauch von Hyperaktivität inne. Eine bloße Gimmick-Mühle ist es aber mitnichten. Wer ein bisschen Energie und Zeit zum Verdauen mitbringt, wird der Virtuosität von Thile und seinen Kollegen viel abgewinnen.

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